Jesus und die Ehebrecherin

4. So. n. Trinitatis: Predigt zu Joh 8, 2-11 – Jesus und die Ehebrecherin – Todsünde

„…
Nicht GOTT ist es, der uns für unsere Sünden verurteilt und mit dem Tod bestraft. Sondern unsere Sünden sind es, die uns anklagen und richten.

Indem wir uns über unsere ureigensten Bedürfnisse hinwegsetzen,
versündigen wir uns mit unserem Ich an unserem Selbst und an unserem Gegenüber in der Schöpfung und im Nächsten:

…“

Hören wir auf den Predigttext aus Johannes 8:

2
Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.
3
Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4
und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.
5
Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6
Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7
Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.
8
Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9
Als sie das hörten, gingen sie hinaus, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
10
Da richtete Jesus sich auf und sprach zu ihr: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?
11
Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,

die erste Frage, die sich mir beim Lesen des Predigttextes stellt, ist:
Wo im Buch Mose ist denn die Steinigung geboten und für welches Vergehen?

Beim Suchen bin ich auf den Begriff Todsünde gestoßen. Im Mittelalter hat sich dazu eine sehr intensive Lehre entwickelt: Aus zuerst acht Todsünden wurden später die bekannten sieben Todsünden.

Bei Mose bin ich tatsächlich auch fündig geworden. Im 5. Buch Mose sind es im wesentlichen drei Gründe, die eine Steinigung fordern:
„…

  • Götzendienst oder Gotteslästerung als Bruch der Beziehung zwischen Mensch und Gott
  • Mord als ultimativer Angriff auf das Leben, das höchste Gut des Mitmenschen
  • Unzucht oder Ehebruch als Verletzung der Integrität einer Paarbeziehung als Urzelle der Vergemeinschaftung, …“

(Quelle: Religion & Gesellschaft Auf den Spuren der Sieben Todsünden zuletzt abgerufen 09.07.2022)

Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die zu Jesus kommen, begehen aus meiner Sicht einen Fehler: Nach dem 5. Buch Mose hätten sie den Mann ebenfalls mitbringen müssen. So lesen wir im 5. Buch Mose „Wenn jemand dabei ergriffen wird, dass er bei einer Frau schläft, …, so sollen sie beide sterben, der Mann und die Frau, bei der er geschlafen hat; …“ (5. Mose 22, 22).

Die durch die Übersetzer der Bibel eingefügte Überschrift „Jesus und die Ehebrecherin“ ist für mich nicht wirklich treffend. Sie lenkt von der eigentlichen Frage ab. Es geht nur vordergründig um eine Frau, die Ehebruch begangen hat. Tatsächlich geht es um die im Buch Mose für bestimmte Vergehen gebotene Steinigung.

Und den Schriftgelehrten und Pharisäer geht es eigentlich nur darum diesen Jesus in eine Zwickmühle bringen. Um mehr geht es ihnen nicht.

Lt. dem 5. Buch Mose steht auf Götzendienst und Gotteslästerung, Mord sowie Unzucht und Ehebruch die Steinigung.

Der katholische Moraltheologe Professor Dr. Goertz, Mainz gibt die Motivation dahinter an:

Bei Götzendienst und Gotteslästerung: Bruch der Beziehung zwischen Mensch und Gott.

Bei Mord: Der ultimative Angriff auf das Leben, das höchste Gut des Mitmenschen.

Bei Unzucht und Ehebruch: Verletzung der Integrität einer Beziehung zwischen zwei sich liebenden Menschen.

Alles also Eingriffe in ganz persönliche, sehr intime und existentielle Beziehungen eines Menschen:

  • in die Beziehung des Menschen in seinem Sein zu seinem Schöpfer und der Schöpfung;
  • in die Beziehung des Menschen zu sich selbst und seinem Leben;
  • in die Beziehung des Menschen in seinem intimsten und privatesten sozialen Umfeld.

Wer diese verletzt, übertritt, missachtet oder einem anderen Menschen nimmt, der muss lt. dem Buch Mose sterben.

Und wie geht Jesus damit um?

Nun, zunächst scheint er von den Schriftgelehrten und Pharisäern einfach nur angenervt zu sein. Denn er ignoriert sie mit ihrem Fragen und Drängen, indem er auf den Boden schreibt und schweigt.

Aber halt, er schreibt auf den Boden? War da nicht was?

Ja doch. Indem Jesus auf den Boden schreibt, gibt er ihnen schon eine Antwort: „Denn du, Herr, bist die Hoffnung Israels. Alle, die dich verlassen, müssen zuschanden werden, und die Abtrünnigen müssen auf die Erde geschrieben werden; denn sie verlassen den Herrn, die Quelle des lebendigen Wassers (Jer 17, 13). So steht es beim Propheten Jeremia im 17. Kapitel geschrieben.

Und die Ankläger verstehen ihn nicht. In ihrem Eifer, Jesus in die Enge zu treiben, realisieren Sie nicht, dass er ihnen bereits antwortet. Daher dringen sie nur noch fester auf ihn ein.

Schließlich erhebt er sich und stößt sie mit der Nase drauf: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie (Joh 8, 7).“

Die verdutzten und ertappten Gesichter kann ich mir bei dieser Antwort nur zu gut vorstellen. Und Jesus kniet sich wieder hin und schreibt weiter. Einer nach dem anderen zieht davon, verlässt so den HERRN. Nur die Frau bleibt beim HERRN.

Wer von uns Menschen ist dazu berechtigt, einem anderen das Leben abzusprechen? Kein Mensch, denn er ist selbst dem Tod geweiht. Und der HERR? Die Sünde hat er nicht relativiert, aber er hat klar gemacht, wem zusteht, darüber zu urteilen.

„… So verdamme ich dich auch nicht; …“ (Joh 8, 11), steht als Antwort auf die Frage, wo denn die Ankläger sind und keine mehr da sind. Für mich eine etwas unglückliche Übersetzung. Denn im griechischen Urtext steht einfach nur: „Auch ich verurteile dich nicht; ...“ (Joh 8, 11).

Gott verurteil nicht den Sünder, sondern die Sünde. Das ist ein erheblicher Unterschied. „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11), sagt er daher.

Gott schenkt uns ohne Vorbedingung oder Voraussetzung Gnade. Einfach so. Wenn wir aber andere verurteilen, ist über uns schon geurteilt. „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Das hat uns Jesus nicht ohne Grund im „Vater unser“ gelehrt. Alle sind wir Sünder. Bleiben wir beim HERRN, so rechnen wir dem anderen seine Schuld nicht an und uns ist vergeben.

Mahatma Gandhi benannte 1925 sieben Todsünden der modernen Gesellschaft:

  • Politik ohne Prinzipien,
  • Reichtum ohne Arbeit,
  • Genuss ohne Gewissen,
  • Wissen ohne Charakter,
  • Geschäft ohne Moral,
  • Wissenschaft ohne Menschlichkeit,
  • Religion ohne Opfer.

In allem wird aus meiner Sicht deutlich, um was es bei der Formulierung Todsünde im Kern geht. Nicht GOTT ist es, der uns für unsere Sünden verurteilt und mit dem Tod bestraft. Sondern unsere Sünden sind es, die uns anklagen und richten.

Indem wir uns über unsere ureigensten Bedürfnisse hinwegsetzen,
versündigen wir uns mit unserem Ich an unserem Selbst und an unserem Gegenüber in der Schöpfung und im Nächsten:

  • als Geschöpf in der von GOTT, dem Schöpfer uns gegebenen Schöpfung,
  • als Individuum mit einem unverwechselbaren Wesenskern und seiner ganz eigenen Persönlichkeit und schließlich
  • als soziales Wesen in der Gemeinschaft.

Wir entziehen so uns selbst und dem Gegenüber die Lebensgrundlage.

Gott, aber möchte uns nahe sein. Er möchte bei und mit uns sein. Indem er uns nicht verurteilt und uns unsere Sünde vergibt, diese gleichzeitig aber auch nicht schönredet, nicht alles als gleichgültig oder belanglos abtut, sagt er uns: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11). Er möchte unser Heil, möchte, dass wir leben.

Ich möchte es mit diesen Worten ausdrücken:

  • Ich nehme meine Geschöpflichkeit als Teil der Schöpfung Gottes an.
  • Ich nehme mich in meiner Persönlichkeit und dem mir gegebenen Leben an.
  • Ich nehme mein Gegenüber in Menschenbruder und Menschenschwester an.

Alles so wie GOTT es gegeben hat. Und darin suche ich Gottes Willen und seine Nähe.

Das alles im Vertrauen darauf, dass GOTT mir gnädig ist, mich vorbehaltlos annimmt, und schon vergeben hat.

Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ (Joh 8, 11

Amen


Es gilt das gesprochene Wort.
Andreas Ponto / Magolsheim, 2022-07-10

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