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1. Advent 2018 – Predigt zu Matthäus 21, 1-9

Hören wir zunächst auf den Predigtext aus Matthäus 22, 1-9:
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den
Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und
sogleich werdet ihr eine Eselin ange-bunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer.  Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den
Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider
darauf, und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und
sprach: Wer ist der?
11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in
Galiläa.

Liebe Gemeinde,

Jesus zieht ein!

Ho ho ho, da sind wir dabei!
Schnell, schnell lasst uns gehen und …
Mist, wir haben keine Geschenke dabei.

Schnell, schnell –
ein paar Palmzweige gebrochen und auf den Weg gestreut.
Hopp, hopp – die Mäntel auf den Weg gelegt.

Ha, ha, er kann kommen – Hosianna!
Oh, oh, und er kommt wie die Schrift sagt:
auf einem Esel zieht er ein.

Du! Da, der neue König! Hosanna!
Wer? Der Esel?

Nein, du Schwachkopf – der Prophet Jesu!
Kennst du denn das Wort des Propheten Sacharja nicht?
„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9)

Ach, so… Hosanna, Hosanna!
Ruft alle mit! Hosanna, Hosanna!

Endlich wird alles gut!
Endlich wieder einen König, ganz nach dem Geschmack Gottes.
Viel mehr noch – ganz nach unserem Geschmack!

Endlich werden die Heilsversprechen wahr.
Endlich einer, der alle Probleme dieser Erde im Handstreich lösen wird. Ein Held, wie aus dem Film geschnitten. Ein Supermann!

A star is born!

So hoffte auch Jochen Klepper, der uns wohlbekannte Liederdichter, als er 1938 in „Der Vater“ schrieb:

„Herr, lass uns wieder einen König sehen,
bevor die Welt die Könige vergisst.
Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen,
nach welchem Maß man deine Ordnung misst.“

Ein Christ und Preuße durch und durch. Das Trauma nach 1914 präsent. Den Nationalsozialismus vor Augen, entwickelt er eine Gegenwelt zum braunen Sumpf und Morast: „… der König unter Gott, ihm unterstellt, in seinem Namen dem Volke dienend.“

Wo stehen die Völker heute?
Worin suchen diese heute ihr Heil?
Auf dem Weg so viele Heilsversprecher.

Wo stehen wir heute?
Worin sehen wir das Heil?

Die Sehnsucht nach dem Erlöser, dem Erlösenden, die Lösung, bei all den komplexen Themen und Problemen, dem unüberschaubaren Berg an Aufgaben, Anforderungen, der Komplexität und Vielschichtigkeit in unserem Dasein.

Hosanna! Ach, Herr, hilf doch!

Komm doch endlich einer, der Ordnung mache in diesem Chaos!
Einer der klare Kante zeigt und aufräumt.
Hosanna!

Und wenn er’s doch nicht richtet?

Dann jagen wir ihn halt zum Teufel.
Vielleicht richtet’s ja der nächste …
Einer wird’s schon richten.
Hosanna, hosanna!

So viele Heilsversprechen. So viel Glanz und Pomp.
So viele Irrlichter.

Und da kommt ER.

Auf einem Esel geritten;
liegt in der Futtergrippe im Viehstall.

Demütig, sanftmütig …

Sieht so der neue starke Mann aus?
Einer der sich durchsetzen wird?
Der auf den Tisch haut und reinen Tisch macht?

Klepper eröffnet uns eine andere Sicht:
Sohn eines Pfarrers – Theologiestudium abgebrochen.
Geheiratet – eine Jüdin, 13 Jahre älter und zwei Kinder im Gepäck.

Aber immerhin – getauft ist sie. Vielleicht schützt ja die Kirche.
Die große Tochter noch rechtzeitig nach England emigriert.

Trotz schriftstellerischem Erfolg und hoher Achtung beim Militär für
sein Werk „Der Vater“ – Berufsverbot.

Zum Kriegsdienst eingezogen – vielleicht hilf ja das.
Vielleicht beschützt dieser Dienst Frau und Tochter?

Nein, als wehrunwürdig aus dem Kriegsdienst entlassen.

Wie kann der nur mit einer Jüdin verheiratet sein und bleiben;
sich zu dieser Jüdin mit den fremden Kindern bekennen.

Die Schlinge zieht sich zu. Die Zwangsscheidung droht.

Einsatz für die Tochter. Einreise in die Schweiz wiederholt abgelehnt. Nach Schweden endlich doch zugesagt.

Ablehnung der Ausreise. Trotz eines Führsprechers durch Adolf Eichmann persönlich abgelehnt.

Die Deportation der geliebten Frau mit Tochter beschlossene Sache. Nein, ich lasse mich von euch nicht trennen.

Bis in den Tod – ich stehe zu euch.
Dann gehen wir gemeinsam in den Tod.

Letzter Eintrag im Tagebuch:
„10. Dezember 1942 –
Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
Wir sterben nun, ach, auch das steht bei Gott.
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden  Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

11. Dezember 1942:
Selbstmord der Familie im Schlaf durch Gas.

Der begonnene Abtransport von Frau und Tochter in die Vergasung am kommenden Tag wird erfolglos abgebrochen.

Jochen Klepper:
Der sich bewusst zu Frau und Kinder bekennt und nicht von deren Seite weicht. Der bewusst kein Gesetz bricht, um seine Pflichten zu erfüllen. Und in all dem Erlebten keinen Moment an Christus zweifelt, sondern vielmehr bewusst ins Leiden mitgeht; sich dem nicht entzieht.

Für mich schwere Kost.

Offensichtlich auch für andere:
Klepper – Theologe, Journalist und Schriftsteller, einer der
bedeutendsten Dichter geistlicher Lieder des 20. Jahrhunderts,
der nach Luther und Gerhardt dritthäufigste Autor in unserem evangelischen Gesangbuch. Und trotzdem – im Gegensatz zu Bonhoeffer nicht im Evangelischen Namenskalender zu finden.

Klepper – der Antiheld.

Einer der Jesu Leben und Worte ernst genommen hat.
In übertragenem Sinn auch auf einem Esel geritten ist.
Vielleicht aber auch der Esel selbst war.

Und wo stehe ich?
Am Wegesrand nach Jerusalem?
Hosanna, Hosanna!?

Die Nacht ist vorgedrungen:

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Amen

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil. 4, 7)

Andreas Ponto, 2018-12-02

Predigt Mt 5, 13-16

Predigttext aus Mt 5, 13-16:
„Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter;
so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

Liebe Gemeinde,

wie geht es Ihnen, wenn Sie diese Sätze hören?
Angesprochen oder eher nicht?
Was sind diese Worte für Sie? Zuspruch, Aufmunterung?
Anspruch oder übersteigerter Anspruch?
Selbstverständnis!?
Ehre, Erwählung!?!
Berufung, Sendungsbewusstsein, Missionsauftrag?!

In der Folge des Kirchentages habe ich einige Kommentare von beurteilenden Christen gelesen und gehört, die zusammengefasst für mich in etwa so lauteten:
Die Evangelische Landeskirche ist keine missionierende Kirche mehr.
Zum Glück gab es den Christustag auf dem Kirchentag, da wurde Christus wenigstens noch verkündigt. Der Kirchentag dagegen ist eher ein gesellschaftspolitisches Ereignis.

Auf der anderen Seite werden aus der zunehmend säkularen Gesellschaft Angriffe wie folgende laut:
Wollt ihr Christen denn etwas Besseres sein? Mit welchem Anspruch tretet ihr denn auf? Kümmert euch doch erst mal um eure Schulen und Heime, dass dort alles mit rechten Dingen zugeht. Und überhaupt, mit welchem Recht bekommt ihr so viel Geld vom Staat?

Aus dem Kreis mancher Teilnehmer des Kirchentages habe ich aber auch ganz andere Botschaften wahrgenommen. Strahlende Gesichter, ergriffene Herzen, bewegte und aufgewühlte Gemüter. Glaubenslicht, das neu und kräftig strahlt, das Herzen und Menschen bewegt.
Gewonnene Eindrücke und Einsichten, die das künftige Leben mit und aus Christus bestimmen.

Verbunden mit dem heutigen Predigttext höre und lese ich viele steile Ansprüche, die Christen für sich reklamieren.
Wir Christen sind das Licht der Welt und das Salz der Erde. Ohne uns fehlt etwas in der Welt. Ohne uns ist die Welt trostlos. Die Welt braucht uns! Selbstverständlich kommt dann immer noch der Zusatz hinzu – aus Christus!

Ich möchte eine Frage stellen. Braucht Christus uns? Ist er auf uns und unsere Kirche angewiesen? Geht ohne uns nichts?!

Matthäus hat schon lange eine Antwort darauf gegeben. In Mt 3 sagt Johannes der Täufer zu denen, die sich von ihm Taufen lassen:
„Denkt nur nicht, dass ihr bei euch sagen könntet: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken.“

Das sind harte Worte, aber was meint Matthäus damit? Ich möchte später darauf zurück kommen.

Unserem heutigen Predigttext gehen ganz elementare Worte voraus und er ist der Zielpunkt dieser. Ich möchte diese uns als kleine Meditation vorlesen:
„..Jesus tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:
Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, …“

Die neun Seligpreisungen. Unser Predigttext ist der Ziel und Höhepunkt dieser Seligpreisungen.

„Ihr seid das Salz der Erde. …“
„Ihr seid das Licht der Welt. …“

Wenn ich diese Worte in den Zusammenhang bringe und als Ganzes auf mich wirken lasse, so kann ich nicht erkennen, wo hier ein Statusrecht festgemacht werden kann. Wir die Christen? Wir die christliche Kirche?

Für Matthäus ist hier aber vielmehr ein unauflöslicher Zusammenhang zwischen Sein und Tun.

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Gottes Liebe, Gnade und Heil ist unverdient. Keiner kann sich durch Werke Heil schaffen.

Theologisch gesprochen, könnte man auch sagen:
„Der (Heils-) Indikativ steht vor dem (Heils-)Imperativ. Damit ist gemeint, dass der Mensch nicht deshalb vor Gott als »gerecht« gilt, weil er der Aufforderung nachkommt, bestimmte Gebote zu erfüllen (= Imperativ, von lat. imperare: befehlen), sondern weil er bereits vor allem Tun – durch Gottes Gnade – als gerecht gilt (= Indikativ, von lat. indicare: anzeigen). Gleichwohl erwächst aus der Rechtfertigung (Indikativ) die Bereitschaft zum Tun des Guten (Imperativ).“ (Quelle)

Allein durch Gottes Gnade sind wir Kinder Gottes, dem Tod entrissen und gerechtfertigt vor Gott.

Aber für Matthäus ergibt sich daraus für Gemeinde und Kirche eine klare und eindeutige Konsequenz. Das Leben in und aus Christus, woraus ein klarer ethischer Anspruch an Christen erwächst. Die sogenannte bessere Gerechtigkeit.

Und so fragt dann analog zu Johannes wenig später auch Jesus als er auf seine Familie angesprochen wird:
„Er antwortete aber und sprach …: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter. „

Ich möchte es so formulieren:
Christ sein ist kein Status, sondern ständiger Auftrag von Christus!
Kirche Christi sein ist primär keine definierte Institution, sondern lebendige Gemeinschaft in Christus mit Schwester und Bruder!

Nun komme ich auf die Eingangs berichteten Reaktionen und Kommentare zum diesjährigen Kirchentag zurück.

Wenn evangelikale oder bibeltreue Christen uns landeskirchlich verfassten Christen das rechte Christsein absprechen, schreckt mich das wenig. Wenn diese der Kirche vorwerfen, dass sie zu wenig missionarisch unterwegs ist und sich stattdessen zu sehr gesellschaftspolitisch profiliert, interessiert mich das ebenfalls herzlich wenig.

Wenn aber unsere zunehmend säkulare europäische Gesellschaft feststellt, dass der christliche Glaube in den ethischen und
gesellschaftspolitischen Diskurs nichts mehr einzubringen vermag und auch kein leuchtendes Beispiel mehr darstellt, dann komme ich ins ernsthafte Nachdenken.

Das ist für mich, sollte sie berechtigt und begründet sein, Kritik, die ernst zu nehmen ist.

Denn ich habe vorhin zwischen den Seligpreisungen und unserem Predigttext eine Stelle ausgelassen, die jetzt zum Zug kommt:
„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. „

Und in unserem Predigttext lesen wir:
„… wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.“
„… Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. „

Liebe Gemeinde,
das muss uns aus meiner Sicht als Christen und christliche Kirche ernste Mahnung und ständiger Prüfstein sein.

Lassen wir uns nicht mit exklusiven Scharfmachern und radikalen Fundamentalisten, die spalten und abgrenzen, ein. Ich persönlich wehre mich dagegen, dass unsere Kirche sich zu sehr mit diesen konservativen Kräften innerhalb und am Rande unserer Kirche abgibt.

Ein kritischer Dialog, mit klarer Kante – ja. Aber kein Kuschelkurs! Hier ein entschiedenes Nein!

Denn sie macht sich selbst damit, und aus meiner Sicht auch völlig zu Recht, für den Großteil der Gesellschaft suspekt und fragwürdig.

Prüfen wir vielmehr immer wieder neu, ob wir im Sinn der Bergpredigt Salz der Erde und Licht der Welt sind. Christus ist gekommen zum Heil möglichst aller, unabhängig von Herkunft und Status.

Darum gilt auch der Ziel- und Fluchtpunkt des MtEv in Mt 28, 16-20
„Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten. Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

Dieses hier angesprochene Taufen und Lehren erfolgt nach meiner tiefen Überzeugung nicht durch heilsexklusive Ansprüche und hochgehaltenem Staus wie, „Wir Christen hier drinnen und ihr Heiden dort draußen“, sondern allein dadurch, dass wir Salz der Erde und Licht der Welt, also integraler Bestandteil und elementarer Beitrag aus Christus in und für diese Welt sind.

Mit Paulus könnte man daher auch noch sinngemäß aus 1. Kor 9 einwerfen: Dem Jude ein Jude, dem Griechen ein Grieche, .. !

Dann kann Christus uns in dieser Welt gebrauchen und sein Reich verwirklichen.

Amen

Andreas Ponto, 2015-07-26 – Es gilt das gesprochene Wort

Verhältnis Christus – Gläubiger – Kirche

Diese kurzen Gedanken habe ich anlässlich der Tageslosung vom 11.07.2015, bzw. des zugehörigen Lehrtextes aus Röm 12,2
„Fügt euch nicht ins Schema dieser Welt, sondern verwandelt euch durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu prüfen vermögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“
aufgeschrieben.
Da ich mich an diesem Tag mit dem Epheserbrief beschäftigt hatte und an anderer Stelle von der „PRIVATSACHE“ des Glaubens und der Gottesbeziehung geschrieben wurde, sind wohl diese Gedanken so entstanden:

Wie ist das Verhältnis Christus – Gläubiger – Kirche (Christi) zu sehen?

Der Verfasser des Ephesserbriefes, dieser auch als theologisches  Vermächtnis der Paulusschule angesehen wird,  sieht in der Kirche Christi den präsentischen Heilsraum, gleichwohl Kirche unbestritten noch immer einem Wachstums- und Reifeprozess unterworfen ist und bleiben wird.

Christus – Haupt der Kirche.
Apostel und Propheten – unveränderlich Fundament und Norm.
Der Apostel als Bote des Geheimnisses des Evangeliums.
Kirche als der Leib Christi.

Im Ephesserbrief wird auch ein Gegenentwurf zum damals herrschenden Kaiserkult (Kaiser das Haupt, römisches Reich der Leib) festgemacht: Christus das Haupt, Kirche Christi der Leib.
In der Kirche offenbart sich die Herrschaft Christi und sind durch das Evangelium erst alle wirklich frei!

Wie ist das nun heute, nach den Jahrhunderten mit einer Kirche, die zur politischen Macht geworden ist?
Die durch die im 4. Jhd. erfolgte Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich, selbst Teil der „Hure Babylons“ wurde?

Heben die Irrungen und Wirrungen der institutionellen Kirche/n in der Geschichte die paulinische Theologie auf?

Hat Christus Kirche als Heilsraum aufgegeben?
Hat Kirche somit theologisch ausgedient?

Christus nun das Haupt vieler Leiber?
Jeder wird nach seiner Facon selig?

Ich bin überzeugt, dass wir um die Gemeinschaft von Christen, als Kirche Christi verstanden, nicht umhin kommen.  Christus möchte Schranken und Fremdherrschaft-/bestimmung einreißen, möchte durch den Heiligen Geist im Sinn Christi sammeln –
keinesfalls aber zerstreuen.

Christus möchte auf dem von ihm selbst geschichtlich einmalig gelegten Fundament der Apostel und Prohpeten in seiner Kirche sammeln und als alleiniges Haupt regieren.

Kirche Christi, als Gemeinschaft aller Gläubigen, als Leib Christi, nicht als irgendeine Institution, aber dadurch eben auch als Institution,
ist präsentischer Heilsraum, ist, so verstanden, Gegenentwurf zum Herrschaftssystem und -prinzip dieser Welt.
Das ist aus meiner Sicht als ekklesiologische Relevanz des Evangeliums zu verstehen.

Christen sind in der Taufe an Christus gebunden und somit unweigerlich Teil der Kirche Christi. Das in der Schrift durch Apostel unf Propheten tradierte Evangelium Christi ist Fundament und Norm eines jeden Christen, aber eben auch der Kirche Christi als Ganzes, als Leib Christi. Christus das alleinige Haupt, macht frei von jeglicher Fremdherrschaft, auch kirchlich institutioneller, fügt aber gleichzeitig alle als lebendiger Leib Christi in der Gemeinschaft zusammen.

Diese Spannung ist nach meiner Überzeugung auszuhalten!

Kirche ist aus meiner Sicht daher nicht aufzugeben, sondern muss sich auf dem von Christus gelegten Fundament, getrieben durch den Heiligen Geist, verwirklichen.

Kirche muß sich als Gegenentwurf zum weltlichen Herrschaftssystem verstehen und, da Kirche, wie jeder Einzelne eben auch, den Verstrickungen ihrer Zeit unterliegt, immer wieder aus dem weltlichen System befreien (Bsp: Reformation, Bonhoeffer, …) und auf Basis des gelegten Fundamentes immer wieder neu erfinden.

Kirche als Gemeinschaft ausnahmslos aller Gläubigen ist durch das Evangelium verpflichtet Versöhnung, Gemeinschaft, Integration und Einheit, trotz aller Unterschiede und Differenzen, trotz allem Trennenden, zu suchen und immer wieder neu zu (er-)finden.

Kirche als integraler Bestandteil des Evangeliums, Leib Christi und präsentischer Heilsraum, ist, so verstehe ich die Schrift, elementar.

Studie: Liebenzeller Mission in der NS-Zeit

Die Liebenzeller Mission, ein freies Werk innerhalb der Evangelischen Kirche, hat ihre NS-Vergangenheit aufgearbeitet.
Vielleicht sollte man aber vorsichtiger formulieren und sagen: ist dabei ihr NS-Vergangenheit aufzuarbeiten.

Die von der Mission vor drei Jahren bei dem Theologen und  Dozenten Helmuth Egelkraut in Auftrag gegebene Studie ist nun als Buch erschienen.

Das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg berichtet im Titelthema der Ausgabe 25 vom 21. Juni 2015 von den Ergebnissen dieser Studie.

Die offizielle Stellungnahme des Komitees der Liebenzeller Mission ist auf ihrer Hompage veröffentlicht: Stellungnahme.

Das offizielle Geleitwort des Direktors der Liebenzeller Mission, Pfr. Detlef Krause, kann hier nachgelesen werden: Geleitwort zur Studie.

Eine Stellungnahme eines, wie er/sie sich selbst nennt, Aussteigers kann hier nachgelesen werden: Rezesion von Eva-Maria zur Studie.

Das Evangelische Gemeindeblatt weiß aus der Studie Erschreckendes von dem Gründer und Missionsleiter Pfr. Heinrich Coerper (1863-1936) und dessen Nachfolger Missionsdirektor Ernst Buddeberg (1873-1949) zu berichten.

Coerper hat danach bereits 1915 geschrieben: „Das Judentum ist nicht eine Religion, sondern eine Rasse.“

Er war dann auch „einer der ersten Pfarrer in Württemberg …, der sich offen zum Führer bekannt hat.“ Auch Buddeberg begrüßt und unterstützt dem Artikel zufolge die NS-Herrschaft voll und ganz.

Es wird schließlich aus einer Stellungnahme zum Judentum zitiert:
„daß das unter dem Fluch des Messiasmordes stehende Volk für die anderen Völker ein Fluch ist“ und „Wir sind damit einverstanden, dass der Einfluss der Juden in unserem Vaterland in der kräftigsten Art un Weise unterbunden wird“.

Es werden daraus von der Liebenzeller Mission direkt Konsequenzen abgeleitet:
Buddeberg verfügt, beispielsweise dass keine jüdischen Ärzte mehr konsultiert werden dürfen. Es wird weiter berichtet, dass auch „zum Christentum konvertierte Juden abgelehnt werden“.

Als praktische und anschauliche, ja grausame Beispiele werden im Artikel angeführt:
– ein jüdischer Student dessen jüdische Abstammung ihn den Studienplatz bei der Liebenzeller Mission kostet. Er findet schließlich im Konzentrationslager den Tod.
– eine von der Liebenzeller Mission nach China entsandte Ärztin, der dort angekommen, wegen ihrer jüdischen Abstammung, die Aufnahme verweigert wird.

Auf der einen Seite ist der offene Umgang mit diesem Thema nur zu begrüßen.

Auf der anderen Seite bleibt die brennende Frage:
Warum so spät und wie sieht es in der Evangelischen Kirche insgesamt mit diesem Thema aus?
Man möchte rufen und fragen:
Gibt es da noch mehr dunkle und hässliche Flecken?

In Anlehnung an den heutigen Predigtext aus Lukas 6, 36-41 stehen folgende Fragen auf:
Was wurde und wird von den christlichen Kirchen, speziell der Evangelischen Kirche getan, um den eigenen Balken im christlichen Selbstverständnis zu bergen, bevor der Splitter in der Welt gezogen wird? Wie sieht es insgesamt mit der systematischen Aufarbeitung dieser Vergangenheit aus?
Genügt sich die Kirche in ihrer Stuttgarter Schulderklärung oder hatte und hat diese praktische und nachhaltige Konsequenzen?

Erkennt Christentum und Kirche sich selbst als ausschließlich aus und von Gottes Barmherzigkeit lebende und möchte Christentum und Kirche sich aus dieser Erkenntnis heraus, nachhaltig und glaubwürdig mit den in der Bibel verankerten Werten in die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einbringen, dann kann die Studie der Liebenzeller Mission zu ihrer NS-Vergangenheit nur der Anfang gewesen sein.

Die lukanische Feldrede, in diesem Sinn verstanden und praktisch angewendet, kann so eine ungeheure Sprengkraft entwickeln und
in Kirche und Gesellschaft nachhaltige Veränderung hin zum Guten bewirken!