Virus

Corona-Pandemie: Brandbrief einer besorgten Mutter, Tochter und Pfarrerin

Wir wollen lange leben… Bleibt zuhause! Wann kommt der Rand der Klippe auf uns zu…. Klopapier oder Angst um den Erhalt der Sauerstoffversorgung…

Man muss die Kommunikation über das Ungesagte wagen. Viele Familien haben sich eingesperrt, die Angst wächst wie ein Riese und irrt im Haus und in den Gedanken herum. In ihrer Familie lebt ein oder mehrere Menschen mit Vorerkrankung, und sie lässt die Überlebenschancen im Falle einer Ansteckung schrumpfen.

Draußen klagen die Menschen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Zeit verbringen können… Strecken sich weiterhin auf Wiesen aus, gehen einkaufen und feiern Straßen- Partys. Sie sehen nicht, dass sie Ältere und Vorerkrankte unwiderruflich näher zur Klippe schieben. Denn die Frage ist leider nicht mehr, ob wir es bekommen, sondern nur noch wann. Langfristig werden sich 70 Prozent der Bevölkerung anstecken, prophezeien uns die Mediziner. Unsere Hoffnung ist, so spät wie möglich angesteckt zu werden. Unsere Hoffnung ist: es wird bis dahin ein Medikament geben. Je früher die Ansteckung, desto geringer die Chancen für unsere Vorerkrankten…

Ich erlebe gerade hautnah, wie im Elsass bei der medizinischen Versorgung schweren Herzens Prioritäten gesetzt werden. Die Älteren, mit Sauerstoffunterverorgung und schwindenden Kräften, werden nicht mehr ins Krankenhaus abgeholt, nicht medizinisch versorgt. Sie verharren in Angst und Einsamkeit in ihren vier Wänden. Niemand darf rein… nur die Angst klopft noch an der Tür und kommt ungebeten zu Besuch. Es geht nicht darum, die Angst anzufeuern, sondern die klaren Prioritäten zu sehen.

Wie ist es mit den Vorerkrankten, durch Behinderung weniger Widerstandsfähigen bei uns? Wir haben eine gute medizinische Versorgung, klare ethische Kriterien, und dennoch, wie wird es sein, wenn auch bei uns Engpässe entstehen? Wie wird unsere Gesellschaft unter Stress und Entscheidungsdruck wegen zu wenig Versorgungskapazität in diesem Augenblick handeln? Wie ist es mit unseren behinderten/vorerkrankten Kindern, unseren Senioren? Eine Tabu Frage – unbegründete Frage -und dennoch erhält sie sehr genaue Konturen, ….

Es ist das klassische klirrende Paradox des schwerkranken /immunschwachen Alltags. In normalen Zeiten versucht man dies zu vergessen. In der jetzigen Zeit taucht diese unsichtbare Trennlinie stärker hervor. Bleibt zuhause. Macht euch anderen Gedanken als über Klopapierrestbestände! Hört auf zu rennen. Genießt die Zeit. Lasst uns, die betroffene Familien, BITTE auch die Zeit länger genießen, in dem Sie Ihr Verhalten anpassen. Das Leben ist so kostbar!

Lg
Hélène Eichrodt-Kessel

Veröffentlich mit ausdrücklicher Genehmigung der Autorin. Versendet am 20. März an Pfarrerkolleg*innen und Dekanat.

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