Cherub

Invocavit: Predigt zu 2. Kor 6, 1-10 – Versuchung

„.. Dieses Spannungsfeld zwischen „Gott anrufen, ihn machen lassen, auf ihn vertrauen“ und „selbst groß sein, auf die eigene Kraft, auf das eigene Forschen, Können und Schaffen bauen“ und die darin liegende Versuchung möchte ich heute in der Predigt ausleuchten und ein Bewusstsein dazu ermöglichen. ..“

Hören wir zunächst auf den Predigttext aus 2. Korinther:

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.
2
Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
3
Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit dieser Dienst nicht verlästert werde;
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sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Bedrängnissen, in Nöten, in Ängsten,
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in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhr, in Mühen, im Wachen, im Fasten,
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in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,
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in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,
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in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;
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als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet;
10
als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

Liebe Gemeinde,

heute an Invocavit steht die Versuchung Jesu in der Wüste als Thema im Raum.

In der Schriftlesung haben wir von der Versuchung des Menschen im Paradies gehört. Dem Griff des Menschen nach der Erkenntnis, der Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse und dem durch Gott verhinderten Griff nach dem Baum des Lebens, der Unsterblichkeit, der Hybris gottgleich sein zu können, selbst Gott sein zu wollen.

Im Psalmgebet haben wir dieses Invocavit, übersetzt „er ruft … an“ miteinander gebetet. „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören, ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu ehren bringen.“ (Ps 91, 15).

Das ist ein sehr großes Spannungsfeld, in dem wir uns hier bewegen: Auf der einen Seite der Mensch, der Gott in seiner Not anruft, um Hilfe bittet und fleht. Und auf der anderen Seite der Mensch, der sucht und forscht, nach Wissen und Fähigkeit strebt und dabei in die Versuchung kommt, selbst unsterblich zu werden, selbst Gott zu sein.

Dieses Spannungsfeld zwischen „Gott anrufen, ihn machen lassen, auf ihn vertrauen“ und „selbst groß sein, auf die eigene Kraft, auf das eigene Forschen, Können und Schaffen bauen“ und die darin liegende Versuchung möchte ich heute in der Predigt ausleuchten und ein Bewusstsein dazu ermöglichen.

Schließlich gibt Paulus uns im Predigttext mit seinem Selbstzeugnis an die Gemeinde in Korinth vielleicht einen Hinweis, wie wir mit den Herausforderungen aus diesem Spannungsfeld umgehen können.

Zunächst zu dem starken Bild aus Genesis 3: „Er vertrieb den Menschen und ließ vor dem Garten von Eden ostwärts die Cheruben wohnen und das Lodern des kreisenden Schwerts, den Weg zum Baum des Lebens hüten.“

Der Mensch in seinem Streben nach Erkenntnis, nach Wissen und Fertigkeit, leistet Unglaubliches. Es ist beachtlich – ja, den Atem raubend. Und dem Menschen beschleicht dabei zunehmend ein gewisses Unbehagen, wird dabei mehr und mehr bewusst, dass etwas aus dem Ruder kommt. Dass er die Dinge evtl. nicht mehr in den Griff bekommt.

Dazu genügen wenige Begriffe, um deutlich zu machen, dass es ums Ganze geht: Klimawandel, Massenvernichtungsmittel, Künstliche Intelligenz, absolute und totale Überwachung, …

Die Verheißung der letzten Jahrzehnte, dass durch Fortschritt, Wohlstand und Gesundheit, und durch Wohlstand, Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Erde und unter den Menschen Raum greifen werden, erweist sich zunehmend als Trugschluss.

Mehr denn je wird dem Menschen bewusst, dass er am Scheideweg steht. Politisch erleben wir in diesen Tagen eine Zeitenwende mit ungewissem Ausgang, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Gleichzeitig spricht der aktuelle Klimabericht von 3,7 Milliarden Menschen, die akut durch den Klimawandel in ihrer Existenz gefährdet sind. Und wenn wir das überleben, dann arbeiten Konzerne wie Alphabet zu der u.a. Google gehört heute schon ganz konkret am Cyborg, einem Mischwesen aus Mensch und Maschine. Quo vadis, Mensch?

Dagegen: „Domine, quo vadis?“ (Joh 13, 36) Herr, wohin gehst du, fragt Petrus im Johannesevangelium seinen Herrn Jesus, als dieser sich anschickt das Opfer am Kreuz für uns Menschen zu bringen.
Und quo vadis, Mensch? Umgangssprachlich gesagt: Mensch, wohin soll das mit dir noch führen?

In der Erzählung vom Sündenfall wird für mich sehr deutlich, wo uns als Mensch die Grenzen aufgezeigt sind.

Ja, wir sind erkenntnisfähig, können zwischen gut und böse unterscheiden, können lernen, forschen, entwickeln. Aber, es wird immer mit Arbeit und Mühe, Beschwerden und Schmerzen verbunden sein. Wenn wir jedoch nach der Allmacht, nach dem Sein wie Gott, nach der Gottgleichheit, nach dem Sein als Gottheit ohne Schöpfer streben, dann werden wir uns nicht nur die Finger verbrennen, sondern wir werden in unserer Hybris zu den Cherubinen vordringen und durch das Lodern des kreisenden Schwertes als Menschheit vergehen.

Gleich wie wenn wir in die Sonne schauend blind werden und in die Sonne fliegend vergehen müssen. Die Sonne Ursprung und Quelle unseres Lebens, wie es uns gegeben ist.

Gott hat uns dieses Leben gegeben, indem uns als Mensch, und nichts anderes bedeutet und heißt Adam; also indem uns als Mensch in der Beziehung von Mann und Frau, von Frau und Mann das Leben geschenkt, das Leben gespendet wird. Eva oder Chawwa heißt nichts anderes als Leben, das Leben spendende. Das ist der uns gegebene Raum. Und damit ist dem Menschen aber auch ganz klar die Grenze des Raums, in dem unsere Zeit ist, aufgezeigt.

Die große Versuchung besteht heute darin, dass der Mensch glaubt, er könne durch Forschung und Fortschritt, mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten, diese von Gott gegebene Grenze ignorieren und überschreiten.

Jesus selbst hat mit der Versuchung in der Wüste, diesem Ansinnen, diesen Allmachtsphantasien gewehrt.

Paulus, nun kämpft in seinem Schreiben an die Korinther um nichts weniger, als die Gemeinde für Jesus zu bewahren. Sie vor den falschen Aposteln zu schützen und sie am Evangelium zu halten. Er tut das in meinen Augen ganz geschickt, indem er ein Selbstzeugnis zu seiner Arbeit und zu seinem Selbstverständnis ablegt.

Die Gnade Gottes hat die Gemeinde durch die Taufe bereits empfangen. In ihrem Bekenntnis zu Christus, dem Auferstandenen ist sie errettet. Und nun diese Mahnung:

„Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangt.“

Von sich redet Paulus als Mitarbeiter, nicht als Herrn. Er ist Diener. Er ist einer, dem der Auferstandene ins Leben getreten ist, und alles, aber auch wirklich alles bei Paulus auf den Kopf gestellt hat. So dass Paulus ein glühender Eiferer für den HERRN wurde.

„Denn er spricht (Jes 49,8): »Ich habe dich zur willkommenen Zeit erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«“

Und er möchte nun die Gemeinde stärken, indem er ihr ausdrücklich zusichert, für sie unverrückbar da zu sein. Egal, was über ihn gedacht, gesagt oder ihm getan wird. Dass es ihm um nichts geht, als das Heil in Jesus Christus, dem Auferstandenen zu verkünden. Die Frohe Botschaft, das Evangelium umsonst und selbstlos nahe zu bringen.

„Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!“

Aus dem Predigttext ist mir dabei eine Stelle besonders wertvoll geworden:

„ … als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; … „

Für mich spricht Paulus hier etwas ganz Wichtiges und Entscheidendes an: Die mentale Kraft leidensfähig, beständig, wahrhaftig, authentisch und frohgemut zu sein und zu bleiben.

Egal, wie sehr uns zugesetzt wird – leidensfähig.
Egal, wie sehr wir mit dem Tod bedroht sein könnten – standhaft.
Egal, wie die vermeintliche Wahrheit auch verdreht ist – wahrhaftig.
Egal, wie unbekannt und unbedeutend wir zu sein scheinen – authentisch.
Egal, wie düster und traurig die Lage auch zu sein scheint – frohgemut.

Und das nicht aus der eigenen Hybris heraus, sondern aus dem Bewusstsein:
– dass aus der Beziehung des Menschen zum Menschen von Gott
gegebenes Leben hervorgeht.

  • dass durch Jesus Christus jedem Menschen bedingungslos und
    unabdingbar Gnade wird.
  • dass in allem Leben und Erleben des Menschen gilt, was der Psalm
    dichter sagt:
    „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören, ich bin bei ihm in der Not;
    ich will ihn herausreißen und zu ehren bringen.“

In diesem Bewusstsein sind wir in der Lage mit Paulus einzustimmen:

„… als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben. “

In nichts kommt es auf Macht, Status und Besitz an. So sehr uns das auch oft erstrebenswert zu sein scheint und wir versucht sind, diesen vermeintlichen Werten nachzujagen.

In allem kommt es allein auf unser Sein und unsere Beziehungsfähigkeit, wie Gott es uns in der Schöpfung gegeben hat, auf die Achtung unseres uns gegebenen Raums und unserer Zeit und der Annahme der bedingungslosen Gnade durch Jesus Christus an.

Amen


Es gilt das gesprochene Wort.
Andreas Ponto / Grabenstetten, 2022-03-06

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