Tageslosung 22. April 2019

… Zur letzten Zeit … wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, …
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Jesaja 2,2.4

… Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Johannes 20,21

Leider ist dieses große Wort des Jesaja hier etwas wirr zusammengesetzt.

„… Schwerter zu Pflugscharen und … Spieße zu Sicheln …“ ist z. B. so ein markanter Teil dieses Wortes, der mir da fehlt.
Das erinnert mich an die Zeit der großen Ostermärsche für den Frieden.

Die Polarisierung im Globalen und das Auseinandertriften der Gesellschaften vor Ort bewegt mich sehr.
Es wundert mich, dass Populisten à la Trumpp mit ihren aus- und abgrenzenden Verführungsworten und Heilsversprechen so einen Widerhall in den Gesellschaften finden.

Wie könnte da eine starke und große Friedensbewegung heute etwas erreichen und all den zersetzenden Kräften etwas Konstruktives und Vereinendes entgegensetzen?
Wie passt da z.B. das Wort Jesu aus Matthäus 10, 34-35 dazu?

Reminiszere – Joh. 3, 14-21

Liebe Gemeinde,

„Jesus und Nikodemus“. So ist der Abschnitt, aus dem unser Predigttext entnommen ist, überschrieben.

Ein nächtliches Lehrgespräch zwischen dem hohen jüdischen Gelehrten Nikodemus und Rabbi Jesu. Ein von Gott gekommener Lehrer muss Jesus sein, stellt Nikodemus fest.

Warum? Weil er Zeichen tut, die sonst keiner tun kann.
Bei Nacht sucht Nikodemus diesen geheimnisvollen Jesus auf. Dieser hat ihm offensichtlich keine Ruhe gelassen. Nikodemus kann nicht schlafen. Dieser Jesus und was von ihm zu hören ist, das treibt ihn um. Und so sucht er ihn auf, um mit ihm ein hoffentlich erhellendes Gespräch zu führen, um Klarheit für sich zu finden.

Sind wir nicht oft wie dieser Nikodemus?
In vielfältiger Weise von Nacht umgeben, suchen wir dieser zu entkommen. Erhellendes suchen wir und Klarheit möchten wir gewinnen.

Da fällt Ihnen jetzt sicher viel dazu ein.

Das eigene Leben zieht an einem vorbei und an der einen oder anderen Stelle steht ein großes Fragezeichen. Warum? – ruft es in uns. Und wie ein Stich fährt es durch unser Herz.

Komplizierte Beziehungen und verworrene Bindungen, die zu schaffen machen und einen innerlich wurmen.
Wie gerne würde man da manches geklärt und wo möglich bereinigt haben.

Der Mensch ein ruheloses und getriebenes Wesen. Seine Lebenswelt lässt ihm keine Ruhe. Immer weiter versucht er vorzudringen in der Welt der Wissenschaft. Den Kosmos im Großen möchte er erobern und im Kleinsten durchdringen.

Und er kommt an kein Ende. Ist eine Etappe geschafft, tun sich unendlich viel weitere auf, die zu schaffen sind. Und das in beide Richtungen; ins Äußerste und ins Innerste, ohne jemals an ein Ende zu kommen.

Wo ist der Grund auf dem wir abschließend gründen?
Und wo ist die Grenze, hinter der es kein Weiter gibt?
Wo finden wir Grund und Ursprung, wo das Letzte?
Wo ist endlich alles klar, licht und hell?

Nikodemus macht sich Gedanken über die letzten Dinge.
Wie oder wodurch schafft man sich Seligkeit; wie kommt man ins Reich Gottes.

Und er spürt, dieser Jesus könnte da einen Ansatz haben.

Jesus sagt es ihm:
Du bist zwar aus Wasser geboren, aber du musst auch aus dem Geist geboren werden, um ins Reich Gottes zu kommen.
Könnte man auch sagen, dein Geist muss sich erneuern?

Und schließlich kommt dieses Beispiel aus der Schriftlesung von heute: die eherne Schlange.
Da war unter den widrigen Bedingungen der Wüste die Beziehung zwischen dem Volk Israel und ihrem Gott und dessen Knecht Mose in Mitleidenschaft geraten. Sie war vergiftet.

Das kennen wir, oder? Es läuft nicht, wie wir uns das vorstellen. Und das schon eine ganze Weile. Misstrauen macht sich breit. Und dann kommt Sand ins Getriebe. Durch die Hitze kommt Druck auf und man wird der Sache müde und überdrüssig. Man glaubt nicht mehr an ein Weiterkommen. Durch die Trockenheit und endlose Weite wird man schwach. Ein guter Ausgang oder das Ziel rücken in unendliche Ferne.

Man fängt an zu murren, wird unwirsch. Sucht Schuldige und lässt seinem Frust freien Lauf.
Gut, wenn wir da etwas haben, an dem wir hochschauen können.
Eine Möglichkeit zum sich Abstützen und Aufrichten haben.

Bis heute ist z.B. der Äskulapstab, der Stab mit der Schlange, aus der griechischen Mythologie entsprungen, das Zeichen der Mediziner und Pharmazeuten.

Das Gift der Schlange kann töten. Das Gift der Worte und Gedanken kann ebenfalls töten. Das kann einen innerlich wurmen und zerfressen.
Ungeklärte Missverständnisse, Missgunst, Neid, Unzufriedenheit – alle diese Dinge lassen uns unser Leben als Wüste erscheinen und wir kommen nicht heraus.

Ein gutes Wort der Nachbarin, ein seelsorgerliches Gespräch, ein lachendes Kindergesicht, die Hilfe der Pflegerin oder der Ärztin.
Das alles kann uns guttun, dass es hell in uns wird. Auch die aufwachende Natur, die Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel, das neue frische Grün.
Wenn wir es wahrnehmen, in uns hineinlassen, bewusst betrachten, dann wirkt das Wunder.

Schon in irdischen Dingen, wie Jesus zu Nikodemus und uns durch den Predigttext sagt. Gut, wenn wir uns in der Heilkunde von heilsamen Worten, Gesten, Blicken und Taten auskennen und dies im Miteinander und untereinander üben.

Aber dabei bleibt Jesus nicht stehen. Er geht weiter und geht auf die von Nikodemus nicht gestellte Frage ein. Wie kommen wir ins Reich Gottes?

Und da spricht Jesus nun nicht mehr von den verschiedensten Heilmitteln und menschlichen Möglichkeiten.
Er spricht nicht mehr von etwas das wir tun, schaffen oder wozu wir etwas beitragen könnten.

Sondern er spricht vom Menschensohn und von Gottes Sohn, der erhöht werden muss.
Der sich indem er erhöht wird, aber am Kreuz gibt. Gott gibt sich für uns, für jeden von uns, für dich.

Er nimmt unsere Wüste, unser Leid, unsere Unvollkommenheit auf sich. Er nimmt unsere vergifteten und gestörten Beziehungen, unser Scheitern und alles was trennt und tötet auf sich.

Was fordert er? Den Glauben an ihn.
„…, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“
Schon jetzt.

Christus sagt uns: Wer glaubt!
Wer glaubt, der hat …

Und ich? Ich rufe zu Christus.
Ich rufe zu Christus mit offenen, aber leeren Händen:
HERR! „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9, 24)

Komme DU zu mir.
Schenke DU mir, dass mein Herz und meine Seele Vertrauen,
Vertrauen zu dir und deinem Wort fassen.

Mir ist das Geheimnis zu groß.
Zu groß, als dass mein Verstand es fassen könnte.

Darum HERR:
schenke meiner kraftlosen Seele – Glauben,
schenke meinem verzagten Herz – Liebe,
schenke meinem trüben Geist – Hoffnung.

Werde du mir zum Brot des Lebens,
damit ich mich ganz DIR hingeben,
ganz dir ergeben kann.

Dann wirst DU mir Brot, dein Fleisch mir Brot des Lebens.

Und ich habe volle Genüge aus dir,
volle Genüge in der Wüste meines Lebens.

HERR, dir sei Dank in Ewigkeit.

Amen


aponto/2019-03-17 – es gilt das gesprochene Wort

Weltfrauentag 2019 – #Female Pleasure

Anlässlich der Weltfrauentags läuft aktuell im Karlstorkino Heidelberg der Dokufilm: #Female Pleasure.

Die Bude war gestern rappelvoll und die anschließende Diskussion hat mir gezeigt, dass Kirche erhebliche Mitschuld an der Situation der Frau in den Gesellschaften trägt. Weiter trägt sie aus meiner Sicht herzlich wenig dazu bei den Misstand zu beseitigen und für die gesellschaftliche Gleichstellung aktiv einzutreten.

Dazu müsste nach meiner Einschätzung wesentlich mehr befreitungstheologische Arbeit geleistet und kirchlicherseits vermittelt werden, um die sexuelle Befreiung der Frau aktiv einzufordern und theologisch zu untermauern.

Der Film zeigt deutlich, dass das nicht ein Problem ungebildeter Menschen irgendwo in Afrika ist, sondern, dass dies alle Gesellschaften erfasst und auch mitten in Europa und den USA präsent und verankert ist: Allein 500.000 Frauen in Eurpoa sind beschnitten oder vielmehr verstümmelt und es werden in diesen gesellschaftlichen Gruppen weiter junge Mädchen verstümmelt. Auch z.B. mitten in London. Dem Film nach beschneidet, bzw. verstümmelt auch z.B. die chassidische Sekte mitten in New York nach wie vor und unbehelligt von der Öffentlichkeit ihre Mädchen im Alter von 7 Jahren.

Den Trailer könnt ihr hier ansehen: Trailer #Female Pleasure.

Schulpädagogische Vorstellungen können zumindest in Heidelberg ab 20 Teilnehmer unter schulkino@medienforum-hd.de angefragt werden.
Unterrichtsbegleitendes Material wird hier bereitgestellt: #Female Pleasure Schulheft.

Am 12., 17. und 31. März finden im Karlstorkino Heidelberg weitere Vorstellungen statt.

In Esslingen habe ich am 27. März eine Vorstellung gefunden: #Female Pleasure.

Hier habe ich eine Termin- und Ortsübersicht für Deutschland gefunden: Termine #Female Pleasure Deutschland.
Und hier für die Schweiz: Termine #Female Pleasure Schweiz.

Winterwanderung 2019

Heute an Epiphanias haben wir einen sehr ansprechenden Gottesdienst zum Thema Weihrauch erlebt; und das in einer Evangelischen Kirche (kleinwalsertal-evangelisch.de). Frank, der Pfarrer
(frankwitzel.com) – ab 1000 Höhenmeter ist man per Du – hat uns das Thema Epiphanias und Weihrauch in seiner authentischen Art richtig gut nähergebracht. Und wir konnten es mit allen Sinnen erfahren: Weihrauch riechen, sehen und schmecken. Wir haben Weihrauch aus dem Oman, in Wasser angesetzt, getrunken. Weihrauch wurde entzündet, so dass wir ihn auch sehen und riechen konnten. Mit der Gitarre hat Frank uns mangels Orgelspieler begleitet. Das Singen, Beten und seine frei gesprochene Predigt, in der sogar ein kleiner Dialog mit der Gemeinde entstand, hat gefunkt. Frank ist einer zum Anpacken.

Nach dem anschließenden Kirchencafé haben wir uns dann auf unsere wunderschöne Winterwanderung gemacht. Der Gottesdienst hat uns noch eine Weile beschäftigt. Unterwegs haben wir dann zwei Esel vor Ihrem Stall getroffen. Das hat mich an meine
Adventspredigt erinnert. Vom Panoramaweg weg, der Breitach entlang ist uns die Kutsche vom Biohof Feuerstein verkommen.

Winterwanderung 2019-037
Winterwanderung 2019-037 Esel am Wegrand

Wir sind weitergestapft und wenig später waren wir dort. Im Hofladen des Biohofs Feuerstein haben wir wunderbaren Speck, Schinken, Käse und Brot gekauft. Das gab’s dann zum Abschluss unserer kontemplativen Wanderung durch die verschneite Winterlandschaft als Abendbrot. Ein rundum gelungener Sonntag.

Winterwanderung 2019-041
Winterwanderung 2019-041

Wenn ihr mal dort seid, dann besucht doch einfach mal Frank im Gottesdienst oder macht mit ihm eine Wanderung mit spirituellen Impulsen (kleinwalsertal-evangelisch.de/et_veranstalter). Eine Einkauf im Hofladen vom Biohof Feuerstein lohnt ebenso.

Winterwanderung 2019-146
Winterwanderung 2019-146

Weihnachten 2018


Ich wünsche allen ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest!

Das Wichtigste was wir haben sind unsere Beziehungen und gleichzeitig ist
nichts so anfällig und verletzlich wie eben diese Beziehungen.
Wir, jede und jeder Einzelne ist damit auf das Tiefste verletzbar, aber auch
im positiven Sinne be- und anrührbar.

Das Kind in der Krippe mahnt uns jedes Jahr aufs Neue, achtsam mit uns
selbst, unseren Lieben und unserem Nächsten umzugehen.

Es scheint aus der Mode gekommen zu sein, den Umgang miteinander zu
pflegen und auf diesen zu achten. Aber genau darin liegt für mich
inzwischen der Schlüssel eines gelingenden Lebens und das unserer Kinder.

Hartmut Rosa spricht hier in Abgrenzung zur allseits gepflegten Mentalität des Ego, mehr, höher, weiter und schneller von Resonanz.
Das In-der-Welt-sein kann als sozial angewiesenes Wesen letzlich nur über unsere Beziehungen gelingen. So inzwischen meine Überzeugung.

Gleichzeitig soll oder kann das eine kleine Weihnachtsbotschaft für alle
sein.

Gott ist Mensch geworden und als Kind zu uns gekommen. Nehmen wir
dies als Anregung, um bewusst auf die Art unseres Menschseins zu achten.

Wenn es uns gelingt in uns hineinzuhören und soetwas wie eine innere
positive Resonanz zu verspühren, und wenn es uns gelingt in der Beziehung mit der oder dem Nächsten soetwas wie eine wohltuende Resonanz zu
erzeugen und zu empfangen, dann ist viel, ja sehr viel von der Botschaft des Kindes in der Krippe bei uns angekommen und weitergegeben.

Kontemplation – eine erste Begegnung

Vor eineinhalb Jahren habe ich bei der Initiative Kontemplation in Aktion einen Online-Kurs Kontemplation absolviert.

Inzwischen hat sich die tägliche Kontemplation nach dem Grieser Weg in meinen Tagesrhythmus eingefunden.
Die Kontemplation erfahre ich als Bereicherung in meinem Dasein, als Geschenk. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wer einen Kreis vor Ort sucht, findet auf der Internetseite von Kontemplation in Aktion auch Kontaktadressen zu Meditationsgruppen, Angebote kontemplativer Exerzitien und Angebote regionaler Gruppen.

Für mich war der Einstieg über den Online-Kurs mit wöchentlichem Austausch bzw. Anleitung per E-Mail und/oder Telefon durch eine Begleiterin von Kontemplation in Aktion sehr hilfreich.
Durch die Möglichkeit für mich zu sein und trotzdem Anleitung wie auch Austausch aus Fleisch und Blut zu haben, war meine Schwellenangst auf ein Minimum reduziert.

1. Advent 2018 – Predigt zu Matthäus 21, 1-9

Hören wir zunächst auf den Predigtext aus Matthäus 22, 1-9:
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den
Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und
sogleich werdet ihr eine Eselin ange-bunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer.  Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den
Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider
darauf, und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und
sprach: Wer ist der?
11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in
Galiläa.

Liebe Gemeinde,

Jesus zieht ein!

Ho ho ho, da sind wir dabei!
Schnell, schnell lasst uns gehen und …
Mist, wir haben keine Geschenke dabei.

Schnell, schnell –
ein paar Palmzweige gebrochen und auf den Weg gestreut.
Hopp, hopp – die Mäntel auf den Weg gelegt.

Ha, ha, er kann kommen – Hosianna!
Oh, oh, und er kommt wie die Schrift sagt:
auf einem Esel zieht er ein.

Du! Da, der neue König! Hosanna!
Wer? Der Esel?

Nein, du Schwachkopf – der Prophet Jesu!
Kennst du denn das Wort des Propheten Sacharja nicht?
„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sacharja 9,9)

Ach, so… Hosanna, Hosanna!
Ruft alle mit! Hosanna, Hosanna!

Endlich wird alles gut!
Endlich wieder einen König, ganz nach dem Geschmack Gottes.
Viel mehr noch – ganz nach unserem Geschmack!

Endlich werden die Heilsversprechen wahr.
Endlich einer, der alle Probleme dieser Erde im Handstreich lösen wird. Ein Held, wie aus dem Film geschnitten. Ein Supermann!

A star is born!

So hoffte auch Jochen Klepper, der uns wohlbekannte Liederdichter, als er 1938 in „Der Vater“ schrieb:

„Herr, lass uns wieder einen König sehen,
bevor die Welt die Könige vergisst.
Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen,
nach welchem Maß man deine Ordnung misst.“

Ein Christ und Preuße durch und durch. Das Trauma nach 1914 präsent. Den Nationalsozialismus vor Augen, entwickelt er eine Gegenwelt zum braunen Sumpf und Morast: „… der König unter Gott, ihm unterstellt, in seinem Namen dem Volke dienend.“

Wo stehen die Völker heute?
Worin suchen diese heute ihr Heil?
Auf dem Weg so viele Heilsversprecher.

Wo stehen wir heute?
Worin sehen wir das Heil?

Die Sehnsucht nach dem Erlöser, dem Erlösenden, die Lösung, bei all den komplexen Themen und Problemen, dem unüberschaubaren Berg an Aufgaben, Anforderungen, der Komplexität und Vielschichtigkeit in unserem Dasein.

Hosanna! Ach, Herr, hilf doch!

Komm doch endlich einer, der Ordnung mache in diesem Chaos!
Einer der klare Kante zeigt und aufräumt.
Hosanna!

Und wenn er’s doch nicht richtet?

Dann jagen wir ihn halt zum Teufel.
Vielleicht richtet’s ja der nächste …
Einer wird’s schon richten.
Hosanna, hosanna!

So viele Heilsversprechen. So viel Glanz und Pomp.
So viele Irrlichter.

Und da kommt ER.

Auf einem Esel geritten;
liegt in der Futtergrippe im Viehstall.

Demütig, sanftmütig …

Sieht so der neue starke Mann aus?
Einer der sich durchsetzen wird?
Der auf den Tisch haut und reinen Tisch macht?

Klepper eröffnet uns eine andere Sicht:
Sohn eines Pfarrers – Theologiestudium abgebrochen.
Geheiratet – eine Jüdin, 13 Jahre älter und zwei Kinder im Gepäck.

Aber immerhin – getauft ist sie. Vielleicht schützt ja die Kirche.
Die große Tochter noch rechtzeitig nach England emigriert.

Trotz schriftstellerischem Erfolg und hoher Achtung beim Militär für
sein Werk „Der Vater“ – Berufsverbot.

Zum Kriegsdienst eingezogen – vielleicht hilf ja das.
Vielleicht beschützt dieser Dienst Frau und Tochter?

Nein, als wehrunwürdig aus dem Kriegsdienst entlassen.

Wie kann der nur mit einer Jüdin verheiratet sein und bleiben;
sich zu dieser Jüdin mit den fremden Kindern bekennen.

Die Schlinge zieht sich zu. Die Zwangsscheidung droht.

Einsatz für die Tochter. Einreise in die Schweiz wiederholt abgelehnt. Nach Schweden endlich doch zugesagt.

Ablehnung der Ausreise. Trotz eines Führsprechers durch Adolf Eichmann persönlich abgelehnt.

Die Deportation der geliebten Frau mit Tochter beschlossene Sache. Nein, ich lasse mich von euch nicht trennen.

Bis in den Tod – ich stehe zu euch.
Dann gehen wir gemeinsam in den Tod.

Letzter Eintrag im Tagebuch:
„10. Dezember 1942 –
Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst.
Wir sterben nun, ach, auch das steht bei Gott.
Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod.
Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des segnenden  Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“

11. Dezember 1942:
Selbstmord der Familie im Schlaf durch Gas.

Der begonnene Abtransport von Frau und Tochter in die Vergasung am kommenden Tag wird erfolglos abgebrochen.

Jochen Klepper:
Der sich bewusst zu Frau und Kinder bekennt und nicht von deren Seite weicht. Der bewusst kein Gesetz bricht, um seine Pflichten zu erfüllen. Und in all dem Erlebten keinen Moment an Christus zweifelt, sondern vielmehr bewusst ins Leiden mitgeht; sich dem nicht entzieht.

Für mich schwere Kost.

Offensichtlich auch für andere:
Klepper – Theologe, Journalist und Schriftsteller, einer der
bedeutendsten Dichter geistlicher Lieder des 20. Jahrhunderts,
der nach Luther und Gerhardt dritthäufigste Autor in unserem evangelischen Gesangbuch. Und trotzdem – im Gegensatz zu Bonhoeffer nicht im Evangelischen Namenskalender zu finden.

Klepper – der Antiheld.

Einer der Jesu Leben und Worte ernst genommen hat.
In übertragenem Sinn auch auf einem Esel geritten ist.
Vielleicht aber auch der Esel selbst war.

Und wo stehe ich?
Am Wegesrand nach Jerusalem?
Hosanna, Hosanna!?

Die Nacht ist vorgedrungen:

1) Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern!
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

2) Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.
Gott selber ist erschienen
zur Sühne für sein Recht.
Wer schuldig ist auf Erden,
verhüll nicht mehr sein Haupt.
Er soll errettet werden,
wenn er dem Kinde glaubt.

3) Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!
Ihr sollt das Heil dort finden,
das aller Zeiten Lauf
von Anfang an verkündet,
seit eure Schuld geschah.
Nun hat sich euch verbündet,
den Gott selbst ausersah.

4) Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

5) Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.
Als wollte er belohnen,
so richtet er die Welt.
Der sich den Erdkreis baute,
der lässt den Sünder nicht.
Wer hier dem Sohn vertraute,
kommt dort aus dem Gericht.

Amen

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Phil. 4, 7)

Andreas Ponto, 2018-12-02