Gestrandet

Predigt zu Act 6, 1-7 – Fremde werden zu Nächsten

Live-Gottesdienst 06.09.2020 Heilandskirche Stuttgart.

Hören wir zunächst auf den Predigttext aus Apostelgeschichte 6:

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.
3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.
6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

Liebe Gemeinde,

in der Schriftlesung (Lk 10, 25-37) haben wir vom Streitgespräch zwischen Jesus und dem Gesetzeslehrer gehört. Wer ist denn mein Nächster?, fragt der Gesetzeslehrer.
Ja, wer ist denn meine Nächste, mein Nächster?

Jesus antwortet dem Gesetzeslehrer im Gleichnis. Darin lässt er drei unterschiedliche Personen einem unter die Räuber gekommenen begegnen.

Aber nur einer nimmt wahr, ergreift Initiative, tritt in Aktion und hilft mit seinem Vermögen weiter, soweit er es selbst kann, sorgt dafür, dass darüber hinaus notwendige fachliche Hilfe möglich wird und nimmt auch die Verantwortung auf sich, am weiteren Geschehen dranzubleiben und dafür wo nötig aufzukommen.

Ja, wer ist denn meine Nächste, mein Nächster?

„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber;.. und ließen ihn halb tot liegen.“ Und „ .. Es traf sich aber, dass .. dieselbe Straße hinabzog;..“: ein Priester, ein Levit, ein Samariter.

Ausdrücklich wird gesagt, dass alle drei den Menschen dort in seiner vorher beschriebenen Not liegen sahen. Und einen jammert diese Not, so dass er seine Reise unterbricht und im Rahmen seiner Möglichkeiten hilft, für Hilfe sorgt und dafür aufkommt.

Das für mich Schöne an dem Gleichnis ist, dass da schlicht ein Mensch liegt, dem die drei begegnen. Wer oder was dieser ist, zu welcher gesellschaftlichen Schicht, welcher Überzeugung, Berufsgruppe, Nation, Hautfarbe oder Ethnie er zuzuordnen ist, wird nicht beschrieben.

Zunächst ist da, dass dort an meinem Wegrand ein Mensch liegt, der egal warum und egal, ob selbstverschuldet oder warum auch immer in Not gekommen ist und dass dieser Mensch völlig hilflos und halb tot da liegt und ich Mensch ihm auf diesem meinem Weg begegne.

Aber das genügt noch nicht ganz, wie wir an den drei Beispielen vom Priester, Leviten und vom Samariter lernen können. Es muss etwas Entscheidendes hinzukommen, dass Hilfe möglich wird, geschieht:
„.. als er ihn sah, jammerte es ihn; ..“.

Nur weil wir auf der Autobahn unseres Lebens mit Highspeed unterwegs einem Crash begegnen, verwirklicht sich dort noch nicht unbedingt, dass ich dort auch meinen Nächsten erkenne. Dieser mir zum Nächsten wird.

Es kommt hinzu, dass ich Möglichkeit habe zu helfen. Um im Beispiel des Autounfalls zu bleiben, die Feuerwehr, den Rettungswagen, die Polizei anzurufen. Oder auch schlicht konkrete Erste-Hilfe zu leisten sowie einfach nur die Unfallstelle provisorisch abzusichern.

Und was hindert uns daran, als sensationsheischende Gaffer herannahende Hilfe und Rettung zu behindern oder gar mit Handy-Fotos oder -Filmchen sensationslüstern ein vermeintliches Highlight in unserem vielleicht ansonsten so tristen Alltag zu dokumentieren?

Oder einfach nur mit einer Bemerkung à la „wie kann man nur“ und Kopfschütteln vorbeizurauschen?
„.. als er ihn sah, jammerte es ihn; ..“.

In der Begegnung als Mensch, von Mensch zu Mensch, auf unserer Lebensstraße unserer Beschäftigung nachgehend, nachhetzend emotional auf die Not und Hilflosigkeit eines Menschen am Straßenrand aufmerksam zu werden, davon angerührt zu werden.

Da liegt deine Schwester, dein Bruder aus dem Geschlecht des Menschen. Ein Geschöpf Gottes:
„.. als er ihn sah, jammerte es ihn; ..“.

Das könnte auch ich selbst sein, das könnte aber auch mein Kind sein, das geht mich direkt und unmittelbar an.
Das ist nicht irgendwo ein Bericht im Netz, der über die Matschscheibe flimmert, ein Bericht vom Höhren-Sagen, ein Bericht in der Zeitung,..

Nein, da ist eine Unterbrechung meiner Routine, meines Alltags, eine ungeplante Störung auf meinem ansonsten so durchgestylten und getakteten Weg. Und es liegt an mir, ob mich das emotional anrührt und mich zur Unterbrechung fordert. Völlig unpassend, zur Unzeit, völlig ungeplant und mitten im Lauf:
„.. als er ihn sah, jammerte es ihn; ..“.

Jesus dreht die Frage, wer denn mein Nächster ist also um und fragt dich und mich:
Siehst und spürst du denn, wenn ein Mensch auf seinem Weg gestrandet und in Not gekommen ist, und bist du emotional dazu in der Lage, dass er dir unabhängig von seiner Herkunft und der Umstände zu deinem Nächsten wird?

In unserem Predigttext nun ist diese Frage bereits zweifelsfrei beantwortet. Die Gemeindeglieder begegnen sich nicht nur irgendwo auf ihren jeweiligen Wegen im Alltag, sie sind in der Gemeinde sogar regelmäßig gemeinsam unterwegs, haben Tischgemeinschaft und sie teilen ihre Güter untereinander, damit niemand Not leiden muss.

Aber genau da entsteht auch schon das Problem. Wer Not leidet, das ist nicht unbedingt offensichtlich und man ist eher mit seinen eigenen Leuten unterwegs und zu Gange. Die Fremden, die sieht man nicht unbedingt, nimmt man nicht unbedingt wahr.

Die Fremden. Das sind in der Jerusalemer Gemeinde zunächst die griechischen Juden. Bei Fremden geht es gar nicht mal um Ausländer. Ausländer im Sinne der Bibel sind Menschen, die nicht unbedingt und dauerhaft im Land leben, sondern Menschen oder Repräsentanten aus anderen Ländern, mit denen wir z.B. geschäftlich in regelmäßiger Beziehung und im Austausch stehen, Handel treiben, Geschäfte abschließen oder diplomatische Beziehungen unterhalten und die nur zeitweise bei uns sind.

Fremde im Sinne der Bibel, leben mitten unter uns, sind Teil der Gemeinschaft. Glauben, leben und arbeiten mitten unter uns, kommen aber aus anderen Traditionen, Sprachen, Gewohnheiten, die uns fremd und oftmals eigentümlich sind.

Diese Fremden pflegen andere Rituale, essen andere Speisen, haben einen seltsamen Akzent oder sprechen unter sich in einer anderen Sprache, ziehen sich anders an.

Sie sitzen oft etwas separat für sich zu Tisch, um unter ihresgleichen sein zu können, um etwas Heimatgefühl in die Fremde, in der sie sind, hinüberretten zu können.

Und da passiert es nun. Die griechisch sprechenden fremden Witwen werden in der Jerusalemer Gemeinde übersehen und übergangen. Sie werden bei der Verteilung von Gütern nicht bedacht.

Alle Aufgaben liegen bei den hebräischen Glaubensgenossen. Die verantwortlichen und handelnden Personen sind hebräisch und sorgen für die ihresgleichen, die ihnen vertrauten, deren Sorgen und Nöte sie nachvollziehen können, die ihnen nicht fremd und ungewohnt sind, die keine ungewohnten Rituale haben und keinen seltsamen Akzent oder gar eine andere Muttersprache sprechen.

Die, die sie vielleicht von Kindesbeinen auf kennen, bei denen sie als Kind vielleicht auf dem Schoß gesessen sind, von denen sie als Kind unterrichtet wurden, denen sie auf der Gasse schon immer auf dem Markt begegnet sind.

Da ist emotionale Bindung und Verantwortung da: Na klar sorgen wir für unsere Kranken, Alten und die Witwen sowieso.

Die griechisch Sprechenden dagegen sind zwar physisch da, aber sie sind nicht wirklich im Bewusstsein präsent. Sie werden schlicht übergangen. Für diese fühlt man sich nicht zuständig. Völlig gaga, oder?

Aber doch so verständlich, weil die anderen da, doch einem so fremd sind und in manchem was sie tun, sagen und wie sie sich geben, einem so eigentümlich und seltsam vorkommen.

Und das führt zum berechtigten Aufschrei, der Empörung unter den griechischen Juden der Gemeinde. Sie ergreifen für ihre Witwen Partei und fordern Gerechtigkeit für diese ein: Alle Bedürftigen sollen gleichermaßen bei der Verteilung von Gütern und Unterstützung bedacht werden.

Gerechtigkeit, sozialer Ausgleich und Wohlfahrt sind elementar für ein Funktionieren von sozialen Gefügen, Gemeinden, Gemeinschaften und Gesellschaften. Es muss ein Kernanliegen jeder glaubwürdigen Gemeinschaft sein.

In einer Leistungsgesellschaft, wie der unseren vergisst man das gerne. Der soziale Ausgleich, Gerechtigkeit, Fürsorge und soziale Auffangsysteme für Kranke, Gestrandete, Alte und Alleinstehende sind unerlässlich, wenn der soziale Friede erhalten bleiben soll.

Und das merkt auch die Jerusalemer Gemeinde. Da wächst etwas rasant schnell und plötzlich genügen die natürlichen Mechanismen nicht mehr den Anforderungen. Es müssen neue Strukturen geschaffen werden, die den Anforderungen aller gerecht werden und den Ausgleich unter ausnahmslos allen gewährleistet.

Und da passiert etwas Erstaunliches. Es kommt Unmut auf, dieser Unmut wird direkt angesprochen, die Gemeindeleitung nimmt dies auf und schafft ad hoc und direkt neue passende, funktionierende Entscheidungswege und Strukturen.

Ist das nicht erstaunliche Konfliktfähigkeit?
Ist unsere Erfahrung nicht eher die, dass die einen meckern, die anderen davon gar nichts wissen wollen und man sich dann künftig einfach aus dem Weg geht?

Und diese Konflikt- und Anpassungsfähigkeit hat Auswirkung nach innen und außen. Die Gemeinde stabilisiert sich und wächst. Das Fremde und die Fremden werden integriert, bedacht, finden ihren Platz und werden so auch in ihrem eigenen Leben und Sein gewürdigt.

Und das macht Eindruck, wird auch außerhalb wahrgenommen. Hey die leben ihren Glauben und ihre Überzeugungen auch ganz praktisch. Die sorgen für ihre Witwen, egal woher die kommen, egal ob hebräisch oder griechisch, egal ob fremd oder vertraut. Die sind füreinander da.

„.. die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“

Und da liegt ein wesentlicher Schlüssel auch für uns heute.

Sorgt unser Glaube dafür, dass wir emotional in der Lage dazu sind, die Menschen in unserem Umfeld zu unserem Nächsten werden zu lassen? So wie wir es in der Schriftlesung von Jesus gehört haben?

Und sind wir weiter dazu in der Lage das Fremde, das uns Eigentümliche zu integrieren und für die Wohlfahrt aller die entsprechenden Strukturen zu schaffen?

Die Verantwortlichkeiten werden unter allen nach Befähigung und auf Ausgleich der verschiedensten Gruppen bedacht, vergeben. Dann können unsere Glaubensüberzeugungen zur Tat werden, wirken nach innen integrierend und ausgleichend und werden weiter nach außen wahrgenommen.

So wird Gemeinde gebaut und kann Gemeinde wachsen, indem wir persönlich und als Gemeinde lebendiges Beispiel sind und dafür Sorge tragen, dass die Glaubensüberzeugungen sich für jedermann praktisch nachvollziehen lassen und zum Segen aller, unabhängig der eigenen Herkunft auswirken.

Und ich stelle die Behauptung auf, dass wenn wir als Kirche und Gemeinde es schaffen,

– dass Kirche und Gemeinde auch als soziale und diakonische Gemeinschaft, die für ihre Mitglieder unabhängig von Herkunft und sozialem Status sorgt, wahrgenommen wird
– dass Kirche und Gemeinde sich veränderten Bedingungen und Anforderungen ad hoc und agil anpasst,

– dass dann neue Gaben in der Gemeinde sich regen, auftun, beauftragt werden und
– dass dies sich nach innen und außen als Segen für alle und in Wachstum auswirken wird.

„Und das Wort des Geistes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“

Amen

Es gilt das gesprochene Wort.
Andreas Ponto – Stuttgart, 2020-09-06

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