Offenbarung

Predigt zu Offenbarung 1, 9-18 – Auftrag an Johannes – Letzter So. n. Epiphanias

Hören wir zunächst auf den Predigttext aus Offenbarung 1:

Der Auftrag an Johannes

9 Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.
10 Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune,
11 die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
12 Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter
13 und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.
14 Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme
15 und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen;
16 und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.
17 Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte
18 und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Liebe Gemeinde,

vor ein paar Jahren habe ich die Trilogie von Robert Harris, IMPERIUM, TITAN und DICTATOR gelesen. Eine anschauliche, fesselnde und packende Erzählung über Aufstieg und Fall Ciceros, seiner politischen Karriere im Rom kurz vor der Zeitenwende. „Ein historischer Thriller aus dem antiken Rom, der aktueller nicht sein könnte.“ Weitere Beschreibungen lauten: „Mit dem Politthriller … gelingt es … meisterhaft, die Antike mit Leben zu füllen und zugleich die Gegenwart zu beschreiben.“ Oder, er „… erzählt mit deutlichen Bezügen zur Gegenwart vom Zerfall des Staatswesens – …“.

120 Jahre später, als die ersten christlichen Gemeinden sich verfestigt haben, ist das nicht besser geworden. Im Gegenteil: Die Supermacht Rom droht im Römischen Reich alles und jeden in seinen Einflussbereich und unter seine absolute Kontrolle zu bringen. Der Kaiserkult treibt unglaubliche Stilblüten. Gleichzeitig richtet man sich in den christlichen Gemeinden ein, macht gute Geschäfte mit Rom und muss sich daher auch arrangieren. Da sind Kompromisse unausweichlich.

Und hier steigt Johannes der Seher ein: Der römische Götter- und Herrschaftskult, sowie die lautlose Assimilierung, Angleichung an Ausdrucksformen heidnischer Religiosität, gefährden die Botschaft Christi in seiner Wirkung, gefährden das Offenbarwerden des Menschensohns in den Gemeinden. Johannes mahnt vor einer subtilen Form des Abfalls durch Aufgabe der eigenen Identität, Kultur und Religiosität.

Übermächtig steht das Bild dem Propheten Johannes vor Augen. Am Tag des Herrn, am Sonntag ergreift ihn der Geist und zeigt ihm ein Gesicht. Darin spricht Christus, der Menschensohn zu ihm und gibt ihm einen Auftrag. Auf den Punkt gebracht: Sieh, schreib und sende!

Was er als Seher von Jesus sieht und hört, das soll er aufschreiben und den Gemeinden, in denen er als Wanderprediger und Autorität anerkannt ist, senden.

Aber fangen wir von hinten an: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“

Von IHM her kommt alle Offenbarung: Christus, dem Menschensohn, dem Gekreuzigten, dem Lamm Gottes.

Was aber ist Offenbarung? Christus selbst ist die Offenbarung schlechthin. In IHM kommt das Transzendente, das Unverfügbare in unsere Zeit, wird konkret – wird geschichtlich, was geschieht und geschehen soll. Offenbarung als Geschehen indem Gott als Handelnder in das Bewusstsein von uns Menschen eintritt. Im Kreuz Christi, im Gekreuzigten, kreuzen sich Transzendenz und Immanenz, Unverfügbares und Verfügbares, wird Gottes Handeln konkret. Offenbarung ist daher erst voll und erfüllt, wenn Gottes Plan eine Wirklichkeit in dieser Welt geworden ist. Dabei ist Gottes Plan von Ewigkeit unverändert: Das Ziel ist das Kommen Jesu Christi, insbesondere seine Verherrlichung, die bei seiner Parusie, seinem Erscheinen stattfinden wird.

Das Thema dieses Sonntags ist die Verklärung Jesu, wie wir sie auch in der Schriftlesung hören konnten. In der Verklärung Jesu haben drei seiner Jünger die Überschneidung von Mensch und Gott in Christus leibhaftig erleben dürfen. Was für eine Offenbarung.

Wie geht es uns damit?

Offenbarung wird oft auch gleichgesetzt mit Apokalypse. Das Ende der Zeiten, das Gericht, der Untergang, der Showdown, wie wir in vielen amerikanischen Blockbustern eindrücklich sehen können.

Weil Christus sich aber schon immer auch im Hier und Jetzt ereignet, kann es in der Offenbarung des Johannes nicht um Weltflucht, das Ende und den Untergang gehen. Offenbarung und Apokalypse im Neuen Testament sind keine Durchhalteparolen, keine Untergangs-Fantasien und auch keine Vertröstungen auf ein fernes irgendetwas. Offenbarung im Neuen Testament ist das aktive Rechnen mit Christus konkretem Handeln und Werden in dieser jeweils unsrigen, aber vielmehr auch immer schon seiner Zeit.

Liebe Gemeinde, Sie heute kennen den Fortgang der Geschichte nach den Anfängen der Christenheit und nach Johannes auf Patmos. Auf schrecklichste Christenverfolgungen folgt die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion. Als Folge sind die christlichen Kirchen in unserem Land bis heute Volkskirche. Die Fragen, die sich mir dazu stellen, sind im Wesentlichen drei:

1. Kann und wenn ja, was kann Offenbarung im Sinn des Neuen Testaments heute für uns sein? Einen kleinen Versuch der Antwort habe ich soeben gewagt.

2. Findet Christus, Menschensohn und Lamm Gottes zugleich, auch heute Seherinnen und Seher, berufen zu sehen, zu schreiben und zu senden? Dazu komme ich gleich.

3. Lassen wir uns als christliche Volkskirche, als christliche Gemeinde und jede einzelne von uns als Christin und Christ von dieser Offenbarung ansprechen? Bzw. kann Christus in unserem Reden, Tun und Handeln in der Zeit geschichtlich und offenbar werden?

Das vorausgesetzt hat Christsein konkrete Konsequenzen.

Vor kurzem habe ich in einer Predigt mit Blick auf die Klimakrise einen für mich wunderbaren Satz gehört: Nicht Gott möchte uns anklagen und strafen, vielmehr tun dies unsere Sünden. Unser konkretes Handeln und dessen Folgen klagen uns an. Schon heute in den für Mensch und Natur unabsehbaren Folgen und dereinst vor Seinem Richterstuhl. Und da setzt Johannes auch in der Offenbarung an.

Christus droht den sieben Gemeinden nicht mit den Dingen, die kommen werden und er vertröstet nicht auf fernes Heil. Christus lässt den Seher wahrnehmen, was heute ist und was konkret daraus folgt. Rom, die Hure Babylons, erbaut auf sieben Hügeln, ist als Weltmacht für viele der Gemeinden und seinen Mitgliedern zum alltäglichen Faktum geworden. Und die Gemeindemitglieder beginnen sich damit zu arrangieren, drohen den Fokus auf ihre sieben Gemeinden zu verlieren. Und wie Christus dem Seher wissen lässt, hat das Folgen und wird fortgesetzt Folgen haben.

Darum erfolgt der klare Hinweis: Liebe Gemeinden, haltet fest an Christus. Er ist da, er ist präsent und er hilft ganz konkret der Hure Babylon in seinen Allmachtsphantasien, seinem gotteslästerlichen Tun zu widerstehen. Dem Druck nicht nachzugeben, sondern vielmehr, Christi Wort hochzuhalten, festzuhalten an der Zusage, dass ER es sein will, der durch sein Wort in uns das Tun schafft. Damit wir ein konkretes Gegenüber sein können, das sich nicht hingibt – nicht hingibt den Wahnfantasien der sich als gottgleich darstellenden Herrscher und Mächtigen dieser Zeit.

Die zum Eingang kurz beworbene Trilogie habe ich z.B. im Kopf, wenn ich an die Ränkespiele um Trumps Präsidentschaft in den USA denke. Wenn ich die Bemühungen um Einflussnahme Russlands auf die westlichen Demokratien bedenke, nicht nur bei der Wahl des amerikanischen Präsidenten, auch in dessen Anstrengungen populistische Regierungen und den Nationalismus in Europa zu fördern und zu stärken. Oder den eigenen Machterhalt zu gewährleisten. Weiter, wenn ich an die absolute Kontrolle und Überwachung in China und das dortige Sozialpunkte-System denke, den erfolgversprechenden Versuch dieses chinesische „Erfolgsmodell“ in alle Welt zu exportieren. Das zerstrittene Haus Europa, das im Moment fast schon erleichtert endlich einen Brexit abwickelt (als ob das eine Erlösung wäre), während es im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken und im Balkan im Schlamm versinken lässt. Die drohende absolute Kontrolle und nationales, reguliertes Internet unter dem Vorwand von vermeintlicher Sicherheit, wo es doch um reinen Machterhalt und Machtkonzentration geht. Die fortdauernde und massiv beschleunigte Umverteilung unseres Wohlstands von unten nach oben und damit der Gefährdung des sozialen Friedens und des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der in Hass und Hetze in den sozialen Medien bis hin zur konkreten Mordtat deutlich und offenbar wird, statt dass man sich, um die Abfederung der transformativen und disruptiven Prozesse in unserer Arbeits- und Lebenswelt zu meistern, vereint und gemeinsam kümmert. 

Für Christen und eine christliche Kirche ist Christus allein der Herr; sein Wort, seine Offenbarung die alleinige Richtschnur.

Johannes ist auf Patmos und blickt am Tag des Herrn auf seine sieben Gemeinden die ihn als Autorität kennen. Als Wanderprediger hat er sein Zirkular, seinen Rundbrief verfasst und mit Blick auf die Hure Babylons, der Stadt Roms, erbaut auf sieben Hügeln, der Super- und Weltmacht und den damit konkret verbundenen Auswirkungen auf eben diese sieben Gemeinden und ihre Mitglieder geschrieben. Geschrieben was jetzt notwendig ist, damit Christus jetzt offenbar werden kann. So stehe nun ich auf dieser Kuckuckskanzel und blicke zu Ihnen hier in der Gemeinde. Und überall im Land stehen Frauen und Männer auf der Kanzel, vor der Gemeinde Christi und offenbaren Wort Gottes, verkünden sein Evangelium, lassen Wort Gottes offenbar werden.

Aus dieser Perspektive gesehen ist Glaube und Religion niemals privat. Ja, Glaube und Religiosität sind etwas sehr Persönliches, aber müssen umso mehr sie dies tatsächlich sind, immer auch öffentlich werden, weil Christus so und darin offenbar, zeitlich und geschichtlich ist und wird.

Möchte ich damit der Parusie Christi ins Handwerk pfuschen oder diese gar herbeizwingen?! Keinesfalls, jedoch tätig, praktisch und aktiv mit Ihnen zusammen IHM den Weg bereiten und IHN zu seiner Zeit und jetzt empfangen.

Denn sehet, das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch (LK 17, 21)!“

Amen

Es gilt das gesprochene Wort. aponto, 2020-02-02

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