Klagemauer

Tageslosung 12. November 2020 – Requiem

Wir aber, dein Volk, die Schafe deiner Weide, danken dir ewiglich und verkünden deinen Ruhm für und für. Ps 79, 13

So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Hebr 13, 15

Von der Klage zum Lob – die Wende im Psalm

Wer die Tageslosung losgelöst, im freien Raum und ohne Zusammenhang liest, könnte fragen: Und was hat das jetzt mit Klage, mit Requiem (Totenmesse) zu tun?

In Psalm 79 (-> Einheitsübersetzung auf dem Server der Universität Innsbruck) aber klagt der Psalmdichter tatsächlich über die Zerstörung Jerusalems, über die Schändung des Tempels, über Tote und über verschleppte Gefangene.

Alles ist zerstört, der Tempel geschändet, die Priester im Tempel haben kein Begräbnis bekommen, ein wildes und grausames Gemetzel hat stattgefunden. Und ettliche sind in die Gefangenschaft abgeführt, haben das Verderben vor Augen.

Wo ist nun dein Gott!
Spott, Hohn und Schmach – Verzweiflung und Ohnmacht!

Gott, was tust du da? Warum ausgerechnet wir, dein Volk?
Warum nicht die andern da?! Die, die dich nicht kennen, dir spotten.
Was haben wir getan, was unsere Vorfahren, dass du so zürnst?!

Errette die Gefangenen! Räche die Toten!
Schlage und vernichte sie! Rache – siebenfach!

Kennen wir diese oder ähnliche Gefühle?

Alles liegt in Schutt und Asche, ist verloren:
Unsere Träume, unsere Hoffnungen, unsere Pläne, unsere Ziele, unsere Beziehungen, unsere Geliebten, ..

Not, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Wut, Trauer, Hoffnungslosigkeit.

Wo ist nun dein Gott? Was hat er dir genützt?

Lassen wir diese Gefühle zu, bringen wir diese zum Ausdruck, bringen wir sie vor unseren Gott. Reden wir darüber mit Ihm.

Singen wir ihm unsere Traurigkeit, klagen wir ihm unsere Not, schleudern wir ihm unsere Wut- und Rachegelüste entgegen, werfen wir sie ihm zu Füßen!

Vor kurzem hat sich ein Pfarrer i.R. nach dem Gottesdienst bei mir bedankt, dass wir ein Klagelied gesungen haben. Das hat ihn berührt, ihm persönlich fehlt dies im evangelischen Gottesdienst sehr. Wir Christen haben das verlernt, war sein Fazit.

Immer dankbar, immmer gut drauf, alles toll, alles schick. Wir haben doch Jesus Christus, sind schon erlöst. Alles gut. Da kann und darf man doch nicht klagen, nicht zweifeln, nicht wütend sein.

Aber genau hierin hat uns das Judentum etwas Entscheidendes voraus, sich u.a. im Psalm bewahrt:
den Weg über die Klage, die Trauer, die Verzweiflung, die Wut, die Rachegelüste.

Den Weg über das Durchleben der Gefühle, über das Benennen hin zur Wende:
Aber, wir wollen dir danken, dich loben und rühmen.
Wir wollen dich verkündigen.

Ein Gedanke zu „Tageslosung 12. November 2020 – Requiem“

  1. Hier noch eine Buch- und Leseempfehlung:
    Von der Klage zum Lob
    Studien zum „Stimmungsumschwung“ in den Psalmen
    von Uwe Rechberger.


    Von der Klage zum Lob
    Was bringt einen Menschen von der Klage zu neuem Vertrauen und zum Lob Gottes? Alttestamentlich ist dies die Frage nach dem »Stimmungsumschwung « in den Psalmen. Beispielhaft werden in der vorliegenden Studie die Gebetsprozesse der Psalmen 3, 6 und 22 interpretiert. Dabei wird deutlich, wie die Psalmen nicht nur einen »Stimmungsumschwung «, sondern im Verlauf des Gebets eine mehrfache Wende herbeiführen wollen: eine Wende in Gott, mit der sich Gott dem Beter neu zuwendet, um dann auch die Situation des Beters zu wenden. Die Sprechaktwende von der Klage zum Vertrauensbekenntnis und die intendierte Wende der »Stimmung« des Beters werden im Psalmgebet vom ersten Vers an vorbereitet.

    https://www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/themen-entdecken/theologie-und-religion/exegese/kommentarreihen/5700/von-der-klage-zum-lob

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