Dreifaltigkeitsikone

Trinitatis: Predigt zu Joh 3, 1-13 – von Neuem geboren

„…
Eine wunderbar befreiende Botschaft ist das Evangelium. Der Heilige Geist ist der Antrieb, der Motivator dazu, den es zu hören gilt.

So bin ich durch den Heiligen Geist nicht völlig außer mir, sondern ganz bei mir. So nehme ich Reich Gottes unter uns wahr und erlebe, über die Taufe hinaus, das Von-Neuem-Geboren-Werden aus dem Geist.“

Predigt zu Joh 3, 1-13 – von Neuem geboren

Hören wir zunächst auf den Predigttext aus Johannes 3:

1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
5 Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von Neuem geboren werden.
8 Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.
9 Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag das zugehen?
10 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du bist Israels Lehrer und weißt das nicht?
11 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an.
12 Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage?
13 Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.

Liebe Gemeinde,

Wasser steht für das stoffliche Leben auf diesem Planeten und wahrscheinlich auch darüber hinaus. Alles, was wir an Leben in der natürlichen Schöpfung wahrnehmen, basiert auf Wasser. Bei der Geburt besteht der Mensch zu 75% aus Wasser, im Erwachsenenalter immerhin noch zu 55-65%.

In der Trockenheit von Wüstenregionen ist Wasser viel stärker im Bewusstsein des Menschen und damit in Kultur und Religion als lebensnotwendig begriffen sowie in den Ritualen und Gebräuchen präsent.

So steht in der Wüste zerfließendes Wasser beispielsweise sinnbildlich für den Tod. Ein Brunnen oder eine Oase ist lebenserhaltende Station im Nomadendasein und schließlich Ausgangspunkt für die Siedlungsbildung und Entstehung von Gesellschaft und Kultur.

Neben der Bedeutung des Wassers als Grundelement für Leben, für unser Leben, wie auch für die Entwicklung von gesellschaftlichem Leben, steht Wasser darüber hinaus für seine reinigende Kraft.

Und im Extrem dann auch für seine zerstörerische Kraft.

Das mit dem Heiligen Geist dagegen, ist so eine Sache. Und das mit dem „von Neuem geboren“ werden erst Recht.

Wie mag das zugehen?“ Nikodemus spricht mir da aus der Seele.

Zwei Fragen haben mich im Vorfeld des Gottesdienstes bewegt: Welche Erwartungen haben Sie an einen Gottesdienst? Und was bewegt Sie dazu an einem Gottesdienst teilzunehmen?

Für mich persönlich hat ein Gottesdienst viele Aspekte. Unter anderem sind da:

  • Rituale
  • Lieder
  • Gebete
  • Andacht und Besinnung
  • Lesung aus der Schrift
  • Predigttext und seine Auslegung
  • Neuigkeiten und Nachrichten
  • Kontakt und Austausch
  • Gemeinschaft und Miteinander

    Zusammengefasst:
  • da ist ein sakraler Raum, der sich aus dem Alltag, aus dem Getriebe
    heraushebt und damit vielleicht auch mich in meinem Sein
  • da ist Zeit und Raum für Anregung, Gespräch, nachdenken, fühlen,
    spüren, erleben, …

Was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun?

Ich denke, es hat ganz viel damit zu tun. Indem ich mir Zeit nehme und dem Heiligen Geist Raum gebe, kann Jesu Botschaft mich in meinem Inneren, meinem Geist erreichen.

Gottes Reich wahrnehmen kann nur, wer von Neuem geboren wird. So sagt Jesus es zu Nikodemus und so spricht der Predigttext auch zu mir und dir.

Und weiter: Nur wer dieses Reich Gottes wahrnimmt, es sieht, hört, fühlt und spürt, kann auch hineinkommen.

Das wirft bei mir viele Fragen auf – ganz konkrete. Zusammengefasst und mit Nikodemus gesprochen: „Wie mag das zugehen?

Ich wage, mit Ihnen zusammen der Frage nach zu gehen und stelle zunächst die Frage: Wie ist das mit der Wahrnehmung?

Wahrnehmung erfordert einen wachen Geist, erfordert Konzentration.
Wahrnehmung erfordert aktives hinsehen, hinhören, fühlen und spüren.

Das Reich Gottes ist mitten unter euch“, sagte Jesus an anderer Stelle zu den Pharisäern. Das ist eine feststehende Zusage Jesu, die neben den Pharisäern, uns allen gilt.

Auch Johannes, der Schreiber unseres Predigttextes kennt diese Aussage aus den drei anderen Evangelien. Und ich denke, er leitet hier in unserem Predigttext eine Konsequenz aus dieser Feststellung Jesu ab.

Und damit steht etwas im Raum, das uns nicht mehr danach fragen lässt, wann das Reich Gottes endlich kommt. Sondern danach, wie wir das schon hier unter uns existente und präsente Reich Gottes wahrnehmen können.

Und das dann, ohne auszuflippen, in Ekstase zu geraten oder der Phantasterei zu verfallen, sondern im Hier und Jetzt bodenständig zu bleiben und seine Frau, seinen Mann zu stehen.

Ich bin mit Johannes der festen Überzeugung, dass wer das Reich Gottes wahrnehmen, auch hineinkommen kann. Das ist mega und im Gedanken daran läuft mir ein sanfter Schauer über den Rücken. Dieser Gedanke berührt mich sehr.

Wahrnehmung erfordert einen wachen Geist, erfordert Konzentration.
Wahrnehmung erfordert aktives hinsehen, hinhören, fühlen und spüren.

Wahrnehmung z.B. in

der Ruhe,
der Stille,
der Andacht,
im Gebet,
der Kontemplation
(nicht zu verwechseln mit Meditation),
beim Pilgern.

Wahrnehmung als

innere Einkehr,
in sich hineinhören,
zu sich kommen,
sich klar, seiner selbst bewusst werden,
mit sich ins Reine kommen,
bei sich ankommen,
in sich ruhen,
bei sich sein und bleiben.

An diesem Punkt wird möglich, dass Gottes Geist, der dir durch die Taufe innewohnende Heilige Geist zu dir spricht, von dir wahrgenommen wird, in dir Resonanz auslöst und bewirkt.

Zunächst in dir bewirkt, dass jegliche Angst weichen muss, sich Klarheit einstellt und Neues entsteht.

Und dann Aktion auslöst die Dinge in Ordnung zu bringen, die nicht ganz und gar dem Selbst entsprechen, wo man nicht ganz bei sich selbst ist, wo man etwas schuldig ist und bleiben wird, weil es einem nicht entspricht. Und dies, indem man loslässt, abgibt, sich davon trennt.

Eine wunderbar befreiende Botschaft ist das Evangelium. Der Heilige Geist ist der Antrieb, der Motivator dazu, den es zu hören gilt.

Das eigene Ich mit dem Du im eigenen Selbst – beides in heilsamer Begegnung und resonanter Beziehung. Aktive Wahrnehmung des eigenen Seins, der eigenen Existenz.

Von dort aus ist es nur ein kleiner Schritt, um „von Neuem geboren“ zu werden.

So wie diese Befreiung greift, wird man „von Neuem geboren“. Neben die Geburt aus Wasser, tritt die Geburt aus dem Geist.

Das Hören auf den Heiligen Geist, schenkt so im Alltäglichen die Wahrnehmung des Reichs Gottes unter uns – im eigenen Sein, im Gegenüber, in der Schöpfung.

Der Heilige Geist ermöglicht dadurch, in heilsame Beziehung zu treten. Zum eigenen Sein, zum Gegenüber, zur Schöpfung.

Zum eigenen Sein, indem ich ganz bei mir ankomme, bin und bleibe – dadurch keine Ersatzreligion, Ersatzbefriedigung oder immer neue Kicks mehr benötige.

Zum Gegenüber, indem ich mit ihm in Liebe und Güte Umgang pflege. Und so nicht mehr versuche mich durch Status, Abgrenzung, Herabwürdigung, Ehrverletzung oder üble Nachrede über mein Gegenüber zu erheben.

Zur Schöpfung, indem ich den mir darin zugedachten Lebensraum und Platz einnehme und erhalte. Und nicht mehr meine mir von Gott gegebene Lebensgrundlage und die der gesamten Schöpfung ausbeute, zerstöre, sondern vielmehr Teil der Schöpfung Gottes bleibe, diese erhalte und so die mir als Geschöpf von GOTT gegebenen Grenzen achte.

Das alles lebt von lebendiger und heilsamer Beziehung, in der sich GOTT hier und jetzt, unter und zwischen uns, ereignet und so Reich Gottes hier und jetzt im Alltag wahrnehmbar und präsent wird.

Das Hören auf den Heiligen Geist, löst das Von-Neuem-Geboren-Werden aus und ermöglicht die Wahrnehmung des Reichs Gottes im Hier und Jetzt.

Das Von-Neuem-Geboren-Werden, steht in unmittelbarem Zusammenhang damit, dass mein Ich ganz bei meinem Selbst ist.

Das Von-Neuem-Geboren-Sein ermöglicht, wenn die Zeit kommt, selbst in das Reich Gottes einzugehen.

So bin ich durch den Heiligen Geist nicht völlig außer mir, sondern ganz bei mir. So nehme ich Reich Gottes unter uns wahr und erlebe, über die Taufe hinaus, das Von-Neuem-Geboren-Werden aus dem Geist.

Amen


Es gilt das geschprochene Wort.
Andreas Ponto / Bempflingen, 2021-05-30

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